Gewalt, Krieg und deren Nachwirkungen

Über sichtbare und unsichtbare Folgen der Gewalt – und wie damit umzugehen ist

 

Von Johan Galtung

 

1. Einleitung und zusammenfassender Überblick
2. Gewalt und Krieg, Trauma und Schuld
3. Über sichtbare und unsichtbare Auswirkungen der Gewalt
  Natur
  Zustand des Menschen
  Gesellschaft
  Welt
  Zeit
  Kultur
4. Über Bilder von Konflikt/Gewalt/Frieden
5. Konfliktlösung: Ein Überblick
  Der Demokratie-, parlamentarische Ansatz
  Der gewaltlose, außerparlamentarische Ansatz
6. Rekonstruktion nach einer Gewaltanwendung: Ein Überblick
  Rehabilitation: Der Ansatz kollektiver Trauer
  Wiederaufbau: Der Entwicklungs-Ansatz
  Restrukturierung: Der Friedens-Struktur-Ansatz
  Rekulturisierung: Der Friedens-Kultur-Ansatz
7. Versöhnung nach einer Gewaltanwendug: Ein Überblick
  Der Reparations-/Wiedergutmachungs-Ansatz
  Der Entschuldigungs-/Verzeihungs-Ansatz
  Der theologische/Reue-Ansatz
  Der juristische/Bestrafungs-Ansatz
  Der Karma-Ansatz der codependent origination
  Der historische/Wahrheitskommissions-Ansatz
  Der Theater-Ansatz des Noch-einmal-Durchlebens
  Der Ansatz der gemeinsamen Trauer/Heilung
  Der Ansatz der gemeinsamen Rekonstruktion
  Der Ansatz der gemeinsamen Konfliktlösung
8. Konfliktlösung/Rekonstruktion/Versöhnung: Die Nahtstelle
  Der diachronische Ansatz
  Der Ho'o ponopono-Ansatz
  Der synchronische Ansatz
  Der Aufbau einer Konflikttransformationskapazität
 

1. Einleitung und zusammenfassender Überblick

 

Gewalt ist ausgeübt worden, und zwar in der kollektiven Form eines Krieges. Eine oder mehrere Regierungen waren daran beteiligt. Sichtbarer Schaden in materieller und somatischer Hinsicht häuft sich. Die teilnehmenden Parteien und auch die Außenstehenden beklagen dies. Doch dann läßt die Gewaltanwendung nach. Den kriegsführenden Parteien sind die materiellen und nichtmateriellen Ressourcen ausgegangen; die Parteien nähern sich in ihrer Einschätzung des endgültigen Resultates einander an, man hält eine weitere Gewaltanwendung für leichtfertig und sinnlos; oder es intervenieren außenstehende Parteien, um die Gewaltanwendung zu stoppen, um, aus welchen Gründen auch immer, den Frieden zu erhalten; vielleicht wollen sie einen Sieg der Partei verhindern, der ihre Sympathie nicht gehört. Ein Waffenstillstand (armistice, cease-fire, cese al fuego) wird geschlossen, eine Vereinbarung entworfen und unterzeichnet. Das Wort „Frieden“ wird sowohl von den Naiven in den Mund genommen, die die Abwesenheit direkter Gewaltanwendung mit Frieden verwechseln und die nicht verstehen, daß die Arbeit am Auf- und Ausbau des Friedens gerade erst beginnt und bei den weniger Naiven, die dies zwar wissen, eine solche Arbeit jedoch nicht in Angriff nehmen. So wird also das Wort „Frieden“ zu einem sehr wirksamen Friedensverhinderer. Mit unserer Untersuchung wollen wir zu den weltweiten Bemühungen beitragen, den Friedensprozeß, der über einen Waffenstillstand hinausgeht, in Schwung zu bringen.

 

Dabei mag uns das folgende kleine Dreieck von Nutzen sein:

 

SICHTBAR              Direkte Gewalt

          ------------------------------------------------------------------------------

UNSICHTBAR     kulturelle Gewalt          strukturelle Gewalt

 

Die direkte Gewalt, ob physisch und/oder verbal, ist sichtbar. Doch menschliche Aktion kommt nicht aus dem Nichts; sie hat ihre Wurzeln. Zwei davon wollen wir andeuten: eine auf Gewalt basierende Kultur (heroisch, patriotisch, patriarchalisch, etc.) und eine Struktur, die selbst gewalttätig ist, indem sie zu repressiv/ausbeuterisch, zu eng oder zu lose ist.

Das weit verbreitete (Miss)verständnis, daß „Gewalt der menschlichen Natur inhärent ist“ lehnen wir ab. Ein Potential für Gewalt ist, ebenso wie ein solches für Liebe, in der menschlichen Natur enthalten; Umstände bedingen die Realisation solcher Potentiale. Gewalt ist nicht etwas wie Essen oder Sex, die man, mit kleinen Unterschieden, auf der ganzen Welt verbreitet finden kann. Die großen Unterschiede bezüglich Gewalt(anwendung) kann man unter den Aspekten der Kultur und der Struktur erklären: Strukturelle und kulturelle Gewalt sind die Ursachen direkter Gewalt. Der Friedensprozeß muss auf dieser Ebene in Gang gesetzt und ausgebaut werden, nicht nur im „Kopf“ des Menschen.

Allerdings ist im Dreieck der Gewalt ein Teufelskreis enthalten. Die sichtbaren Auswirkungen direkter Gewalt sind bekannt: die Getöteten, die Verwundeten, der materielle Schaden, alle zunehmend im Zivilbereich. Doch die unsichtbaren Auswirkungen sind möglicherweise noch schlimmer: direkte Gewalt verstärkt strukturelle und kulturelle Gewalt. Die wesentlichsten Faktoren sind der Hass und die Rachsucht, die sich unter den Verlierern breitmachen und die Sucht der Gewinner nach mehr Siegen und weiterem Ruhm; und auch die Macht, die von den Gewaltanwendern ausgeht. Die Menschen spüren das und sind „militärischen Lösungen“ gegenüber skeptisch, sie suchen nach „politischen Lösungen“. Letztere konzentrieren sich oft auf strukturelle Probleme wie geographische Grenzziehungen. Unberücksichtigt bleibt der kulturelle Aspekt, einschließlich der Möglichkeit, daß das Ziehen von Grenzen in der Geographie Grenzen im Geist bedingt und auch verstärkt. Solche Grenzen legitimieren wiederum direkte Gewaltanwendung.

Außerdem kann es möglich sein, daß die geographische Fragmentierung die vertikale strukturelle Gewalt der Unterdrückung und Ausbeutung der Minderheiten innerhalb eines Nationalstaates durch die horizontale strukturelle Gewalt des „zu lose“ ersetzt. Auch wenn wir uns gerade jetzt in einer Phase interner Nachfolge- und Revolutionskriege befinden, könnte uns bald eine neue Phase externer Kriege zwischen neu geschaffenen Staaten erwarten.

Allerdings sinkt mit einem Waffenstillstand häufig die Motivation, etwas zu unternehmen, dramatisch. Eine These drängt sich auf: Wenn gewalttätige Kulturen und Strukturen direkte Gewalt hervorbringen, dann reproduzieren solche Kulturen und Strukturen auch Gewalt. Der Waffenstillstand wird zu nichts anderem als einer Periode zwischen Kriegen; einer Illusion, die einem Volk, das Vertrauen in seine Führer hat, vorgegaukelt wird. Und so weiter, und so fort. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit stellt sich im Kielwasser des folgenden Widerspruchs ein: Die Struktur kann nur durch Gewalt verändert werden; doch verstärkt Gewalt die alte Struktur oder führt aufgrund der Struktur und Kultur des Kriegeführens, die durch das wer „gewinnt“ charakterisiert ist, zu neuen Gewaltstrukturen.

Ein Weg aus diesem Dilemma könnte darin bestehen, daß man die erste Aussage, daß „die (unterdrückende, ausbeuterische) Struktur nur durch Gewalt verändert werden kann“, die als Dogma selbst ein Teil der Kultur der Gewalt ist, in Abrede stellt. Ist der Gegensatz nicht zu scharf, dann kann eine Politik auf demokratischer Basis ausreichen. Ist der Gegensatz sehr scharf – d.h. ist der „wohlerworbene Anspruch“ auf den Status quo für einige ein erhebliches Faktum, genauso wie es eine leidvolle Existenz hinsichtlich der grundlegendsten Überlebensbedürfnisse, des Wohlergehens, der Freiheit und der Identität für die Mehrheit oder die Minderheit ist (in letzterem Fall legitimiert vielleicht die mehrheitliche Demokratie den status quo) – dann kann eine Politik der Gewaltlosigkeit im Sinne Gandhis die zutreffende Antwort sein.

Ein wesentliches Problem besteht darin, daß (parlamentarische) Demokratie und (außerparlamentarische) Gewaltlosigkeitsbestrebungen nur in einigen Teilen der Welt Teil der politischen Kultur sind – für die Demokratie (die in ihren Konsequenzen auch gewalttätig sein kann) trifft das übrigens häufiger zu. Jedoch verbreiten sich beide rasch und schließen einander nicht aus.

In diesem Teufelskreiskomplex können wir nun drei Probleme identifizieren, die nur gelöst werden können, indem man den Teufelskreis in einen Zyklus kreativ-rekonstruktiver Maßnahmen verwandelt.

[1] Das Problem der Lösung des zugrunde liegenden Konflikts;

[2] das Problem der Rekonstruktion nach der direkten Gewaltanwendung:

            Rehabilitation nach den an den Menschen angerichteten Schäden,

            materieller Wiederaufbau nach den materiellen Schäden,

            Restrukturierung nach den strukturellen Schäden,

            Rekulturisierung(kultureller Wiederaufbau) nach den kulturellen Schäden.

[3] Das Problem der Versöhnung der Konfliktparteien

Dabei lautet unsere grundlegende These: Rekonstruktion und Versöhnung ohne Lösung des zugrunde liegenden Konflikts ist kontraproduktiv.

In diesem Sinn kann man Hegels Position als den Versuch sehen, für eine Versöhnung zwischen Herrn und Knecht zu argumentieren, ohne eine Konfliktlösung vorzuschlagen; Marx wiederum steht für eine Konfliktlösung ohne Versöhnung. Beide Systeme sind Ergebnisse unbeirrbarer Zielstrebigkeit und linearen Denkens; erforderlich wäre jedoch eine kombinierte Theorie und Praxis aller drei Problempunkte.

Doch was bedeutet kombiniert? Es bedeutet eher ein synchronisches Vorgehen als ein diachronisches, lineares, eines-nach-dem-anderen, wenn wir davon ausgehen, daß die Gewaltanwendung bereits stattgefunden hat. Das bringt zwei Modelle ins Spiel: drei separate Wege für jede Aufgabe; ein gemeinsamer Weg für alle drei Aufgaben.

Das erste Modell ordnet die Konfliktlösung den Juristen-Diplomaten-Politikern zu, die Rekonstruktion den „Entwicklern“ und die Versöhnung den Theologen und Psychologen. Wir werden alle Herangehensweisen diskutieren. Das zweite Modell versucht diese Aufgaben zu einer einzigen zu verschmelzen, die auf der Hypothese basiert: Die Versöhnung wird am besten gelingen, wenn die Parteien bei der Konfliktlösung und der Rekonstruktion kooperieren.

Dieser Weg führt uns vielleicht zum Frieden, wenn der Frieden als die Fähigkeit definiert wird, Konflikte mit Empathie (= der Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellung und Mentalität anderer Menschen einzufühlen), mit Gewaltlosigkeit und mit Kreativität zu bearbeiten. Die Fähigkeit zur Konfliktbearbeitung geht in den Kriegen verloren. Sie muss wiederhergestellt werden.

 

2. Gewalt und Krieg, Trauma und Schuld

 

Am Anfang war die Tat; eine Körperbewegung, eine verbale Artikulation, andere Laute. Manche Taten sind konstruktiver Natur, sie können andere Menschen erhöhen. Mit anderen Taten wird Menschen Schaden zugefügt: ein Schlag mit einem Arm oder der Verlängerung eines Arms, mit Waffen (arms), Armeen; ein Wort, das weh tut, oder die Erweiterung eines üblen Wortes, einer üblen Rede, Propaganda. Im Prinzip gibt es auch neutrale Taten, herrscht jedoch Hochspannung, dann bleibt keine Tat farblos. Eine Tat ist ein kommunikatives Band zwischen einem Sender und einem Empfänger, die man, wenn die Tat Schaden angerichtet hat, als Täter und Opfer bezeichnet. Wirkt sich eine Tat günstig aus, mag dieses Band zu einem der Freundschaft oder sogar der Liebe werden. Oft ist Wechselseitigkeit gefragt, eine Ausgewogenheit des Austausches.

Im buddhistischen Diskurs bringen nützliche und konstruktive Taten dem Vollbringer Verdienste, schädliche werden ihm negativ angerechnet. Die einen wie die anderen haben wichtige Konsequenzen für die Wiedergeburt. In einigen christlichen Diskursen können gute Taten zur Erlösung führen und schlechte zur Verdammnis; die Taten haben also große Auswirkungen für das Leben nach dem Tode, wobei keine Möglichkeit eines Appells gegeben ist.

Beide Diskurse stimmen jedoch in einem Punkt überein: Eine schädliche Tat traumatisiert nicht nur das Opfer, sondern der Täter lädt, ob er es merkt oder nicht, auch Schuld auf sich. Auch in diesem Fall können Wechselseitigkeit und eine gewisse Ausgewogenheit des Austausches gefragt sein. Dadurch wird der zugefügte Schaden ausgeglichen, Trauma für Trauma, eine solche Antwort heißt dann Rache, Vergeltung. Unter gewissen Umständen mag dies auch die Schuld ausgleichen, Schuld für Schuld. X hat Y etwas Schreckliches getan, die Schuld ist genauso wenig zu ertragen wie das Trauma. Wenn Y Vergeltung übt, werden die beiden „gleicher“. Man denke daran, wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg Dresden-Hamburg gegen Auschwitz aufrechneten.

Nach dieser Logik gibt es zwei Wege, um in einer gewalttätigen Auseinandersetzung auf gleich zu kommen: Wenn der Täter ein Trauma (etwa) derselben Größenordnung erleidet und wenn das Opfer eine Schuld etwa derselben Größenordnung auf sich lädt. Im Vergeltungsakt vermischen sich diese beiden Vorgänge zu einem. Keine Frage, warum so häufig Rache geübt wird. „Du hast mich verletzt, ich habe dich verletzt, wir sind jetzt quitt“. Die traumatisierte Partei hat einen Trumph: das Recht, daß dem Täter ein Trauma zugefügt wird. Und die schuldige Partei hat ein Defizit: „Eines Tages kann er zurück kommen und mir das antun, was ich ihm angetan habe“. Die erste Situation kann zu Ketten von Traumata quer durch die Geschichte, die letztere zu einer Politik der Paranoia führen.

Sowohl Trauma als auch Schuld können in den Welt-Trauma- und Welt-Schuld-Banken deponiert werden und bringen mit der Zeit Zinsen, doch zehrt auch die Inflation am Kapital. Amortisation ist in der Tat ein langfristiger Prozeß.

Dies wiederum weist uns auf zwei wohlbekannte Szenarien:

Ein anderer wird traumatisiert. Y mag es zu riskant finden, X ein Trauma zuzufügen; vielleicht ist X einfach zu mächtig. Doch es gibt ja Z, weiter unten in der Peckordnung positioniert. Damit eröffnet sich die Möglichkeit einer Kette von Gewalt, die sich durch die Gesellschaft nach unten ziehen kann und durch Zeit und Raum.

Eine Traumatisierung wird durch jemand anderen begangen. Wenn X traumatisiert werden muss, dann kann das auch das stärkere W vollbringen, womit die Möglichkeit einer Kette von Gewalt, die sich durch den gesellschaftlichen Raum nach oben zieht, gegeben ist. Ein ganz spezieller Fall ist als „Bestrafung“ bekannt, W ist die „Autorität“, die dazu berechtigt ist, Schmerzen und Traumata zuzufügen, die jedoch damit die Traumatisierten nicht von Schuld befreien kann, da im Zusammenhang mit der Autorität die Frage der Schuld keine Relevanz besitzt. Andere wie V und U können das bezweifeln und W daßelbe zufügen. Und so weiter.

Wir wollen nun zwei weitere Dimensionen der Gewalt in die Diskussion einführen: Intention und Irreversibilität. War das Leid beabsichtigt? Ist das Leid irreversibel oder kann es wieder gut gemacht werden? Das Leid liegt in den Augen (und anderen Sinnen) des Betrachters, des Opfers [Anspielung auf das englische Sprichwort: Beauty is in the eyes of the beholder. Hier: The harm is in the eyes of the beholder]; ein gewisses Maß an Leid ist in der normalen gesellschaftlichen Interaktion nicht zu vermeiden. Doch sind bei dieser Interaktion zwei Richtlinien dienlich:

            Füge niemals anderen mit Absicht ein Leid zu!

            Füge niemandem etwas zu, was nicht wieder gutgemacht werden kann!

Den letzten Satz könnte man modifizieren, so daß er nur auf schädliche Handlungen zur Anwendung kommt; das Problem liegt dabei darin, daß es nicht so einfach ist zu wissen, ob eine Handlung schädlich ist oder nicht. Es kann unbekannte Folgen geben und, was wichtiger ist, die Regel „Tu anderen nicht etwas an, von dem du nicht willst, daß sie es dir antun“ ist problematisch: Geschmäcker können verschieden sein.

Als Faustregel wollen wir annehmen, daß die Schuld in einem Verhältnis zum Schaden, zur Absicht und zur Irreversibilität steht:

Schuld = k x Schaden x Absicht x Irreversibilität

Der wesentliche Unterschied zwischen einer Gewaltanwendung mit Todesfolgen und anderen Gewaltanwendungen besteht in der Irreversibilität der ersteren. Wir können Leben schaffen aber nicht Leben wiedererschaffen. Dies ist ein Grund dafür, warum ein Kindesmörder in einigen Kulturen als Kompensation sein eigenes Kind hergeben (oder es töten lassen) mußte. Auch Gewaltanwendung ohne tödlichen Ausgang beinhaltet Elemente von Irreversibilität: Wunden heilen nur selten völlig aus und Wunden, die dem Geist zugefügt werden, vielleicht niemals, wie uns die Psychoanalyse lehrt. Sexuelle Gewalt hinterläßt vielleicht keine Wunden am Körper, aber irreversible Traumata im Geist. Daßelbe gilt für andere Formen körperlicher Gewaltanwendung, da jede Gewaltanwendung eine Vergewaltigung ist, ein Eindringen in das Allerheiligste, die Privatheit des Körpers. In einem geringeren Maß gilt das auch für das Eigentum (als Extension des Körpers), vielleicht insbesondere für den Einbruch als ein Eindringen in die familiäre Privatheit.

Das bringt uns zu zwei zusätzlichen Herangehensweisen, was eine Befreiung von der Schuld betrifft: das Leugnen einer bösen Absicht und den Schadenersatz. Aus gewissen Gründen hat sich die westliche Rechtssprechung in die erste Richtung entwickelt, wobei z.B. auf Uninformiertheit über die Folgen, auf chronische oder akute Geistesverwirrung etc. plädiert wird. Dies geschieht trotz der Tatsache, daß, zwar einerseits der Schaden, der durch Gewaltverbrechen und sexuelle Gewaltverbrechen angerichtet wird, praktisch irreversibel ist, anderseits aber jener, der durch Verbrechen gegen das Eigentum zugefügt wird, im Prinzip wiedergutzumachen ist. Geld kann verdient und zurückbezahlt werden, ein Schaden kann repariert werden, außer es handelt sich z.B. um ein durch die Entheiligung eines kulturellen Monuments zugefügtes Trauma.

Was ändert sich, wenn X und Y nicht Individuen, sondern Kollektive im Kriegszustand sind? Eigentlich behält alles oben erwähnte seine Gültigkeit, abgesehen von kleinen Unterschieden in der Terminologie: Wenn die Kollektive Länder sind, wird die Ersatzleistung normalerweise als Reparation bezeichnet. Einen gewissen Unterschied gibt es aber doch: An der Frage der Gewaltakte können sich die Geister scheiden, kann es Spaltungstendenzen in einem Kollektiv geben. Sehr klar hat sich dies am Ende des Ersten Weltkriegs gezeigt, als sowohl die deutschen wie auch die französischen Truppen gegen ihre Generäle gemeutert haben. Einerseits verlangt eine konzertierte Gewaltanwendung, wie sie von den Armeen ausgeübt wird, einen bedingungslosen Gehorsam mit einer sehr asymmetrischen Kommandokette (im Gegensatz zu einer Guerillabewegung); anderseits gibt es einen Unterschied im Risiko, dem die Beteiligten ausgesetzt sind; es ist größer für die Soldaten in der Kampfeszone als für den höheren Offzier im Bunker, ganz zu schweigen von den Politikern, die daheim die Parameter für den Krieg setzen. Die Urteile von Nürnberg und Tokio sind Bemühungen, die Gewalt zu begrenzen. Doch die Asymmetrie bleibt als ein Faktor, der dazu verwendet werden kann, kollektive Gewalt zu begrenzen; Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen ist eine Möglichkeit.

 

3. Über sichtbare und unsichtbare Auswirkungen der Gewalt

 

Um das Denken über die Auswirkungen der Gewalt zu akkomodieren, benützen wir ein Raster, das in sechs Räumen die materiellen den nichtmateriellen Auswirkungen gegenüberstellt:

 

Tabelle 1: Sichtbare und unsichtbare Auswirkungen der Gewalt

 

 

Raum

Materielle,

sichtbare Auswirkungen

Nichtmaterielle,

unsichtbare Auswirkungen

NATUR

Raubbau und Umwelt-

verschmutzung;

Schaden an der Vielfalt und an

der Symbiose

weniger Respekt für die nicht-

menschliche Natur; Verstärkung der Haltung

„Mensch über der Natur“

ZUSTAND DES MENSCHEN

Somatische Auswirkungen:

Anzahl der Getöteten

Anzahl der Verwundeten

Anzahl der Vergewaltigten

Spirituelle Auswirkungen:

Trauerfälle,

Traumata, Hassgefühle

Rachsucht

Siegessucht

GESELLSCHAFT

der materielle Schaden,

Gebäude,

Infrastruktur

der strukturelle Schaden

der kulturelle Schaden

WELT

der materielle Schaden

Infrastruktur

der strukturelle Schaden

der kulturelle Schaden

ZEIT

verzögerte Gewalt

Landminen

übertragene Gewalt; genetisch

Strukturtransfer

Kulturtransfer

kairos-Punkte von Trauma und

Ruhm

KULTUR

irreversibler Schaden am

menschlichen Kulturerbe

Gewaltkultur;

von Trauma, Ruhm

Verschlechterung der

Konfliktlösungskapazität

 

 

Es ist bezeichnend für den Materialismus unserer Kultur, daß nur die erste Spalte, nicht jedoch die zweite Beachtung findet. Dies erinnert an die Analysen der Mainstream-Ökonomie mit ihrer ausschließlichen Konzentration auf materielle Faktoren (Natur/Land, Arbeitskräfte, Kapital), die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, was dann auf Netto- und Bruttosozialprodukte hinausläuft; die enormen Kosten jedoch, die die „Modernisierung“ für die Natur, den menschlichen Geist, die Struktur und Kultur im allgemeinen mit sich bringt, bleiben unberücksichtigt.

Wir haben es mit einem allgemeinen kulturellen Syndrom zu tun, das den Kampf um eine ernsthafte Beachtung der unsichtbaren Auswirkungen noch problematischer macht. Dieses Syndrom erfüllt eine ziemlich offenkundige Funktion: Werden nur sichtbare Auswirkungen der Gewalt in Betracht gezogen, dann sind weniger „Kosten“ zu berücksichtigen; je kompletter ein Bild, umso größer sollten die Bedenken sein, wenn wir von rationalen Überlegungen ausgehen. Daßelbe gilt für ungebremstes Wirtschaftswachstum, das manchmal dem Kriegführen nicht unähnlich ist; es stellt zwar keine direkte Gewaltanwendung dar, kann jedoch als in die Struktur eingebaute strukturelle Gewalt betrachtet werden.

Die linke Spalte birgt wenig Überraschungen außer vielleicht einen Punkt, der in jüngster Zeit in den Kriegsberichten- und bilanzen, die selbstredend bar jeder Gefühlregung sind, häufig Erwähnung findet: die Anzahl der Vergewaltigungen. Die Tatsache, daß weibliche Körper Schlachtfelder für sich bekriegende Männer-Gangs abgeben, ist wohl so alt wie der Krieg; ihre häufigere Erwähnung in Kriegsberichten der letzten Zeit hat vielleicht auch etwas mit dem zunehmenden feministischen Einfluss zu tun.

Die rechte Spalte jedoch ist alles andere als selbstverständlich.

Natur. Eine Sache ist der Schaden, der dem Ökosystem zugefügt wird, eine andere die Verstärkung des allgemeinen kulturellen Codes der Herrschaft über die Natur, die auch ein Teil des Vergewaltigungssyndroms ist. Unzählige Millionen von Menschen schauen sich nicht nur an, wie Menschen getötet und verwundet werden, sondern auch wie die Natur zerstört wird und in Flammen aufgeht. Der Krieg ist legitimiert, der Schaden, den er anrichtet, wird vielleicht beklagt, nicht jedoch seine Legitimation. Am schlimmsten sind natürlich die A-B-C-Waffen an, die genetischen Schaden anrichten können.; doch neben in großem Maßstab stattfindenden kinetischen und brandstifterischen militärischen Angriffen auf die Natur (auch in Friedenszeiten: für Manöverzwecke) wirken zivile Angriffe geradezu unschuldig. Wie eine Mega-Gewaltanwendung gegen Menschen, z.B. Auschwitz und Hiroshima-Nagasaki, eine Gewaltanwendung auf „konventioneller“ Ebene unschuldig erscheinen läßt, so läßt auch eine Mega-Gewaltanwendung gegen die Natur, Insulte auf einer alltäglichen Ebene harmlos erscheinen.

Zustand des Menschen: Man kennt nicht einmal die Anzahl der Menschen, die aufgrund von Kriegen Angehörige verloren haben. Für eine moderne Familie beträgt in 2 bis 3 Generationen die Größenordnung vielleicht 101, rechnet man andere Primärgruppenmitglieder dazu, dann nähert man sich 102. Dazu kommen die Trauerfälle von Menschen aus der Bekanntschaft, deren Angehörige dem Krieg zum Opfer fielen, die Beileidsbezeigungen, die Teilnahme an der Trauer, das kann uns zu einer Größenordnung von 103 bringen. Schließlich, wenn es zu einer Natur- oder sozialen Katastrophe kommt; gibt es eine Staatstrauer; der Krieg ist der zweiten Kategorie zuzurechnen; den aus dem deutschen Kulturbereich stammenden naiven und selbstentlastenden Satz: „Der Krieg ist ein Naturgesetz“ weisen wir zurück. Gerade weil der Krieg eine gesellschaftliche Einrichtung ist, die sogar einer gewissen Anzahl von Gesellschaften unbekannt war, ist er vermeidbar. Und wenn sozial = strukturell und kulturell ist, dann haben wir zwei Herangehensweisen. Zu einer Kriegskultur gehört es, die Trauernden dazu zu bringen, ihre Verluste zu akzeptieren:

            das Opfer wurde für eine gerechte, ja sogar heilige Sache erbracht; im allgemeinen für Gott (als Instrument für seinen Willen, Deus volt), für die Geschichte (als Instrument für den Lauf der Geschichte) oder für die Nation als ein Kollektiv, das kulturell definiert ist durch gemeinsame (kairos)-Punkte von Ruhm und Trauma in Zeit und Raum;

            der Krieg wird durch das Gesetz als defensiver Krieg gegen einen Aggressor gerechtfertigt;

            ein Sieg beweist, daß Gott/die Geschichte/das Gesetz auf der Seite der Nation steht;

            eine Niederlage zeigt, daß die Nation Gott/die Geschichte/das Gesetz verraten hat, das Opfer hat also nur einen Sinn, wenn die Nation beim nächsten Mal siegt;

            der Krieg ist eben Teil der menschlichen Natur, er ist ein Naturgesetz;

Es ist kein Wunder, daß bei solchen Rationalisierungen wichtige Auswirkungen des Krieges unter den Teppich gekehrt werden (das Gesetz ignoriert im Grunde strukturelle und kulturelle Gewalt). Ein Bewußtsein um solche Konsequenzen könnte dazu führen, daß das Engagement für Gott, die Geschichte, das Gesetz und die Nation untergraben wird.

Gesellschaft: Auf der gesellschaftlichen Ebene der Conditio Humana finden wir Struktur und Kultur: Wie wirkt sich Krieg auf sie aus?

Niemand wird infrage stellen, daß Kriege sowohl auf der militärischen wie auch auf der zivilen Seite einen gewissen Zusammenhalt zur Folge haben. Der Grund dafür liegt in der zielstrebigen Hingabe für eine Sache: zu gewinnen und dem Krieg ein Ende zu bereiten. Es kann also sein, daß der Krieg von Gesellschaften, die von allgemeiner Atomie, Atomisierung, Fragmentierung bedroht sind, in diesem Zusammenhang als Mittel zur Wiederherstellung einer Verbundenheit benutzt wird; heute sind davon vielleicht insbesondere die fortgeschrittenen Demokratien betroffen, die unfähig sind, auf andere Art und Weise einen Zusammenhalt herzustellen.

Auch ist es keine Frage, daß Kriege solch positive Züge wie Hingabe, Opferbereitschaft, Solidarität, Disziplin, Teamwork hervorbringen. Denjenigen, die sich in dieser Hinsicht bewähren, ist es oft möglich, nach dem Krieg hohe gesellschaftliche Positionen zu erlangen. Doch sind diese Tugenden eingebettet in ein Gehäuse von Gewalt und Verachtung für das Leben, die sich auf das zivile Leben übertragen können. Der Krieg bringt eine Mobilität für die Unterdrückten, ein Grund, warum Soldaten häufig aus den unteren Gesellschaftsklassen kommen (einschließlich Beschäftigungsloser und solcher, die als Arbeitskräfte ungeeignet sind). Das Ergebnis kann eine ernsthafte Verzerrung der Verteilung der Arbeit sein. Der Krieg kann eine Gesellschaft von der Anomie heilen, der Abwesenheit verbindlicher Normen, indem er Normen einsetzt, die in Beziehung zu Gott/der Geschichte/dem Gesetz/der Nation stehen. Doch wieder stellt sich die Frage: Bedeutet dies nicht, daß die Nachkriegsgesellschaft dann wie eine Armee organisiert und einer Militärkultur unterworfen ist? Und wenn wir davon ausgehen, daß sich die Militärkultur zur Kultur so verhält wie Militärmusik zur Musik, bedeutet dies nicht eine kriegslustige Vereinfachung mit Freund-Feind-Bildern? Wenn das zutrifft, so wird die Gesellschaft niemals gänzlich aus dem Kriegszustand in Friedensverhältnisse übergeführt, sondern bleibt militarisiert und kriegsanfällig in dem Sinn, daß sie jederzeit für den Krieg als Alternative bereit ist.

Welt: Wenn wir jetzt die Welt in Ergänzung zu einer Staatengemeinschaft als eine Nationengemeinschaft definieren, in anderen Worten als ein inter-nationales System in Ergänzung zu einem inter-staatlichen System (bei den richtig benannten „Vereinten Nationen“ heißt es fälschlicherweise die „Mitglieder sind Staaten“), dann wird die Auswirkung von Kriegen noch klarer. Auf einer oberflächlichen Ebene haben die Menschen, die einer Nation angehören, eine gemeinsame Religion und Sprache. Auf einer tieferen Ebene teilen sie Auserwähltheit, Ruhm und Trauma, den ART-Komplex. Kriege sind ein wesentlicher Anlass für solche kairos-Punkte. Kontiguität rund um solche Plätze und Kontinuität im Gedenken an solche Daten projizieren die Nation in Geographie und Geschichte, wie man das deutlich an den Namen der Metro-Stationen und Plätze eines Landes beobachten kann, das sich selbst la grande nation nennt. Auch eine Analyse der Nationalfeiertage und der Hymnen wird solches an den Tag bringen.

Nachdem die Waffen zu schweigen begonnen haben, ist der Krieg noch immer in den Köpfen der Menschen: Die Dichotomie der Nationen in zwei Lager, die manichäische Sicht der Lager als gut-schlecht, Freund-Feind, als Kampf zwischen Gott und Satan auf Erden, die Schlacht von Armageddon als das entscheidende Ereignis; kurz gesagt, der DMA-Komplex.

Dieses Muster wird zu einer Self-fulfilling prophecy. Der DMA-Komplex überlebt das Ende des Krieges. Jedes Zeichen, das darauf hindeutet, daß der Feind noch am Leben ist, löst vorgefertigte Reaktionen aus; sind solche Zeichen nicht vorhanden, dann werden andere Feinde ausgemacht, um die Gestalt, die von diesem Typus kultureller Gewalt geformt wird, zu vollenden. Das Ende des Kalten Krieges ist mittlerweile ein klassischer Fall: Die Verflüchtigung des „Ostens“ als Konfliktpartner kam unerwartet; neue Feinde der Nation (oder Super-Nation) wurden mit der Hilfe Gottes und des Gesetzes aus der Geschichte ausgegraben.

Zeit: Wie erwähnt, dient ein Krieg dazu, Ruhmes- und Traumapunkte, mit denen Nationen definiert werden, in einen Zeitrahmen zu stellen. Doch sind Struktur und Kultur auch von einer gewissen Trägheit. Beide treiben durch weite Zeitstrecken wie in einem ruhig dahinfließenden Strom weitgehend unverändert, zumindest auf der Ebene der Tiefenstruktur und Tiefenkultur. Es gibt Wasserfälle, die man in Bezug auf die Struktur Revolutionen nennnt und in Bezug auf die Kultur Epochenübergänge; sie sind nicht sehr häufig und tendieren dazu, gemeinsam aufzutreten.

Wir leben in einem inter-staatlichen/inter-nationalen System, das im Großen und Ganzen durch klar definierte Kriege geformt wurde, mit unzulänglich definierten Friedensabschnitten als Zwischenkriegsperioden. Jeder neue Krieg verstärkt das Bild des Krieges als normal und natürlich, als eine Schicht, die in der nationalen Archäologie über einer anderen abgelagert wird. Die Nationen stellen Übermittler für Struktur und Kultur dar einschließlich des Kriegsmusters; manches, wie beispielsweise auch gewalttätiges Verhalten wird in der Familie vermittelt. Wichtige Vehikel für die Übermittlung sind Nationalsprache und Religion, die Mythen, die als populäre Kunst ihren Ausdruck finden, die Stätten in Zeit und Raum; sie werden durch die Familie und in der Schule weitergegeben, wahrscheinlich weniger am Arbeitsplatz. Schon die Existenz einer Nationalarmee wie auch die Bemühungen, nationale Waffenarsenale einschließlich Nuklearwaffen intakt zu halten, zeigen von der Bereitschaft, sie auch zu benutzen.

Der springende Punkt, was die Zeit betrifft, ist die Trägheit von Struktur und Kultur; wenn nicht intentional etwas geschieht, um ihr entgegenzuwirken, wird sie unvermindert weiterbestehen. Einen kairos für einen Krieg wird man einen kairos für einen Frieden entgegenhalten müssen. Doch noch besser ist ein langer von Geduld gekennzeichneter khronos einer Arbeit für den Frieden bis der Teufelskreis durch den Übergang von Quantität zu Qualität gebrochen wird.

Kultur: Mit jedem Krieg stirbt die Menschheit ein wenig. Doch sind wir eine widerstandsfähige Gattung, sonst hätten wir uns schon längst selbst ausgelöscht. An uns ist mehr dran als nur die traurige Geschichte von Krieg und Gewalt. Wenn Konflikte im Sinn einer Unvereinbarkeit von Zielen auf allen Ebenen menschlicher Organisation allgegenwärtig sind, von der intra-personalen zur inter-regionalen, intra-globalen und auch inter-stellaren, dann müssen wir über einige Konfliktlösungsfähigkeiten verfügen.

Aus Gründen, die wir weiter unten untersuchen, sind drei Hauptkomponenten einer Friedenskultur oder eines kulturellen Friedens im Gegensatz zu einer Gewaltkultur Gewaltlosigkeit, Kreativität und Empathie. Kriege und Gewalt auf niedrigeren Ebenen menschlicher Organisation sind Karikaturen dieser Tugenden und verringern die menschliche Konfliktlösungskapazität.

Daß Kriege nicht gewaltlos sind, ist mehr als nur eine Tautologie. Es kann, auf einer oder mehreren Seiten, selbstauferlegte Zurückhaltung in Kriegen geben, sowohl ad bellum als auch in bello. Doch der springende Punkt bezüglich Gewaltlosigkeit wäre, auf Gewalt mit Liebe zu reagieren oder neutraler ausgedrückt, auf negative Taten mit etwas Positivem. Die Kriege schließen ein solches Verhalten als Hochverrat aus.

Man kann nicht verleugnen, daß Kriege in ihrer Destruktion auch in hohem Maße kreativ sind, doch bleibt ihr Fazit Destruktion von Leben und Eigentum. Eine Kreativität in Richtung Erhöhung des Lebens, indem man andere (einschließlich „der anderen“) fördert, wird ebenfalls als Hochverrat ausgeschlossen.

Daßelbe gilt für die dritte Tugend: Empathie, die Fähigkeit andere einschließlich sich selbst von innen her zu verstehen und nicht in dem Sinne von „was hätte ich gemacht, wenn ich du wäre“. Wenn man so vorgeht, wird das Verhalten des anderen als Folge seiner Geschichte gesehen, werden die Ursachen verständlich und der Wille zu töten kann vielleicht untergraben werden.

Über Bilder von Konflikt/Gewalt/Frieden.

Die Zeit ist nun gekommen, um Gewalt in einen Kontext zu stellen und der Kontext, für den wir uns entschieden haben, heißt „Konflikt“. Es gibt viele Missverständnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, unglückliche Konzeptionen von Konflikt, diesem großen Schöpfer und großen Zerstörer, der eine behutsame Annäherung verlangt.

Ein allgemeiner Konfliktdiskurs, wie man ihn in den Medien findet, unter Forschern und Laien, sieht den Konflikt als einen Organismus mit Geburt und Wachstum bis zu einem Wendepunkt, dann einem Verfall bis zu seinem letztlichen Aussterben. Auf der horizontalen Achse des Diskurses haben wir die physikalische Zeit, khronos, auf der vertikalen Achse ein gewisses Maß direkter Gewalt vom ersten Anzeichen von „Schwierigkeiten“ bis zum „Waffenstillstand“, dem Ende offener Feindseligkeiten, weil entweder der Konflikt „ausgebrannt ist“, die Parteien in ihrer Prognose über das Ergebnis übereinstimmen und es nutzlos finden, sich gegenseitig weiterhin zu zerstören oder aufgrund einer Intervention Dritter, die die Parteien zu einem Ende der Feindseligkeiten zwingt oder ihnen eine entsprechende Zusage abverlangt. Das Ende eines Konflikts wird oft Frieden genannt.

Eine Liste der wichtigeren Unzulänglichkeiten dieses Diskurses schließt folgende Punkte ein:

[1] Es wird der Eindruck erweckt, daß Gewalt/Krieg aus dem Nichts entsteht, ex nihilo; eine solche Sicht der Dinge geht Hand in Hand mit der Vorstellung, daß das Böse am Werk ist.

[2] Es wird der Eindruck erweckt, daß Gewalt/Krieg ihre Ursprünge an ganz genau definierten Punkten in Raum und Zeit nehmen und zwar mit dem ersten Akt der Gewalt.

[3] Es wird der Eindruck erweckt, daß Gewalt/Krieg ohne Nachwirkungen enden, dies entspricht Vorstellungen einer Auflösung des Konflikts.

[4} Es wird der Eindruck eines Konfliktlebenszyklus mit einem Höhepunkt erweckt und nicht einer von langen Zeitabschnitten der Latenz, mehrfachen Höhepunkten etc.

[5] Ein nicht zu unterschätzender Punkt: Gewalt/Krieg werden als Variable gesehen; Friede nur als ein Punkt, der Nullpunkt von Gewalt/Krieg.

So wird also Gewalt/Krieg als eine Eruption gesehen mit einem Beginn und einem Ende und keinen anderen Folgen als denen, die am Ende der Gewalttätigkeiten sichtbar sind: den Toten, den Verwundeten, dem Schaden.

Natürlich ist niemand ganz so naiv; es existiert eine beträchtliche Literatur über „Kriegsursachen“ und „Kriegsfolgen“. Doch das darin entworfene Bild ist sowohl für die Kriegsverhütung als auch für den Umgang mit den Nachwirkungen kontraproduktiv.

Bevor wir ein alternatives Bild entwickeln, möchten wir die Gewalt mit einer Krankheit, sagen wir der Tuberkulose, TBC, vergleichen. Ein zielführender Weg, menschliche Pathologien zu begreifen, wäre, sie unter dem Aspekt der Wechselwirkung zwischen dem Ausgesetztsein des Menschen und seiner Widerstandsfähigkeit zu sehen; in unserem Fall zwischen den Mikroorganismen, die unter (für sie) günstigen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen wirksam sind, und dem Grad der Immunität des Körpers, der wiederum mit dem Immunsystem, der Ernährung und dem Lebensstandard, dem emotiven und reflektierenden Geist (mind und spirit) zu tun hat. All das spielt in holistischer und synergistischer Weise zusammen. Natürlich ist es möglich, einige Allgemeinheiten abzuleiten, doch kann damit niemals zur Gänze ein individueller Fall abgedeckt werden, es bleibt Platz für eine Empathie mit dem individuellen Patienten und seiner/ihrer Umwelt und Geschichte, wobei man das Generalisierende und Individualisierende kombinieren kann.

Durch Untersuchungen wurde belegt, daß verbesserte Lebensbedingungen (Ernährung, Unterkunft, Bekleidung) einen deutlicheren Rückgang der TBC-Raten zur Folge hatten als eine künstliche Stärkung des Immunsystems durch Impfung und frühe Diagnose (Röntgenstrahlen).

Man kann eine Krankheit nicht losgelöst von Patient und Kontext als eine abstrakte Entität mit einem eigenen Lebenszyklus sehen und eine allgemeine Prävention, Therapie und Rehabilitation verlangen. Schlüsseldimensionen des Ausgesetztseins und der Widerstandsfähigkeit können in einem umfassenden Sinn im Kontext liegen, nicht an der Nahtstelle von Krankheit und Patient. Bei kausalen Zyklen sind sowohl Körper wie auch Geist (body, mind und spirit) involviert, nicht nur der Körper. Schlüsselursachen können von den Symptomen weit entfernt sein. Wenn wir den gesamten Kontext einbeziehen, können die Zyklen sogar global und makrohistorisch sein.

Auch ist es nicht möglich, Gewalt von ihrem Raum/Zeit-Kontext zu trennen.

Der Kontext im Raum ist die Konfliktformation, die alle involvierten Parteien, die naheliegenden und die entfernten, mit allen Zielen, die für den Konflikt relevant sind und den bewußt vertretenen Werten wie auch den positionellen Interessen einschließt. Ein erster Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin, nur Parteien in einem örtlich beschränkten Gebiet, in dem Gewalt herrscht, zu inkludideren; dabei werden Symptome mit Ursachen verwechselt, wie wenn beispielsweise ein Arzt einen geschwollenen Knöchel als „kranken Knöchel“ betrachtet und nicht als mögliches Symptom eines Herzleidens oder wenn Hunger als „ungenügende Nahrungsaufnahme“ gesehen wird und nicht als soziales Problem. Entfernte, hinter den Kulissen agierende Parteien können eine entscheidende Rolle spielen.

Der Kontext in der Zeit ist die Konfliktgeschichte, einschließlich der Geschichte der Zukunft. Ein zweiter Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin, die Konfliktgeschichte mit einem Anfang und einem Ende auszustatten, sie als eine beschränkte Zeitspanne, in der Gewalt herrscht, zu sehen, die vom ersten Gewaltausbruch bis zu dem mit einem Frieden verwechselten Waffenstillstand dauert. Ein räumlich und zeitlich definiertes Auftreten von Gewalthandlungen wird dann losgelöst von der Konfliktformation und der Geschichte zu einem „Mandschurischen Zwischenfall“, dem „Golfkrieg“, dem „jugoslawischen Debakel“, „Ruanda“ und wird dann in einer Forschung tabellarisiert, die durch eine Vielzahl von Daten und durch mangelndes Verständnis charakterisiert ist. Einer der Gründe dafür ist ohne Zweifel ein epistemologischer, der im Empirismus und in der Verhaltensforschung wurzelt: Gewalt ist ein Verhalten und kann beobachtet werden, Daten kann man erzeugen. Ein weiterer Grund ist politischer Natur: Gewalt kann eskalieren und zwar nicht nur innerhalb eines, sondern auch aus einem „räumlich und zeitlich definierten Auftreten von Gewalthandlungen“ heraus und kann für andere gefährlich, ansteckend werden wie eine ansteckende Krankheit. Daher die Konzentration darauf, die Träger von Gewalt, „die Terroristen“, wie Bazillenträger auszurotten. Kausalzyklen außerhalb räumlich und zeitlich definiertem Gewaltvorkommen könnten sehr mächtige Akteure inkludieren, die es vorziehen, unerwähnt zu bleiben.

Welche Art von Diskurs empfehlen wir, als Ergebnis dieser Überlegungen? Er dürfte sich nicht nur auf die Ätiologie eines bestimmten Ausbruchs von Gewalt/Krieg und sinnvolle Intervention konzentrieren, sondern müßte auch die Nachwirkungen eines Krieges berücksichtigen. Hier ist eine vorläufige Antwort:

[1] Direkte (offene) Gewaltanwendung wird unter dem Aspekt ihrer Vor-, Seiten-, und Nachgeschichte gesehen, die weder räumlich noch zeitlich begrenzt sind.

[2] Diese Geschichten können in sechs Bereichen aufgespürt werden:

Natur: Als ökologische Verschlechterung – als ökologische Verbesserung

Gesamtzustand des Menschen (body,mind,spirit): als Traumata, Hass – als Freude, Liebe

Gesellschaft: als Vertiefung des Konflikts – als Heilung des Konflikts

Zeit: als kairos von Trauma/Ruhm – als khronos des Friedens

Kultur: als Ablagerungen von Trauma/Ruhm – als Ablagerungen von Frieden

[3] Man kann diese sechs Bereiche in drei zusammenfassen:

Direkte Gewalt/Frieden: gegenüber der Natur und dem Menschen (Körper und Geist)

Strukturelle Gewalt/Struktureller Frieden: im gesellschaftlichen Raum, in der Welt, als

            vertikale strukturelle Gewalt: Unterdrückung und Ausbeutung,

            horizontale strukturelle Gewalt: die Parteien sind sich zu nah/ zu entfernt voneinander,

- struktureller Frieden: Freiheit und Gerechtigkeit, adäquate Distanz,

            kulturelle Gewalt/kultureller Frieden: Gewalt ist legitimiert/nicht legitimiert.

Dazu kommt die Zeit als das Medium, in dem sich all dies entwickelt. Doch während direkte Gewalt üblicherweise als Prozeß mit kairos-Punkten gesehen wird, gleichen strukturelle und kulturelle Gewalt wie auch struktureller und kultureller Frieden eher Stufenfunktionen an diesen kairos-Punkten. Es gibt einen Vorfall, der einen niedrigeren oder höheren Level hervorbringt, der sich in der Folge auf eine relativ permanente Höhe einpendelt. Da etwas Permanentes schwierig zu erkennen ist (es gibt keine Kontraste) und der Vorfall nicht leicht zu erfassen ist (er ereignet sich zu plötzlich), kann es leicht vorkommen, daß beide Phänomene unbemerkt bleiben.

Wie würden wir nun einen Konfliktprozeß beschreiben? Es ist nicht zu leugnen, daß der Aspekt der Gewalt eine Zeitkomponente hat (wie ein Organismus mit Geburt, Reife und Tod), auch wenn eine Sicht der Dinge, daß Prozeße mehrere Höhepunkte haben und nicht nur einen, wahrscheinlich der Realität näher kommt. Doch gibt es hier drei Probleme:

Diese Vorstellung repräsentiert die Gewalt als eine Variable und die Abwesenheit von Gewalt als einen Punkt, als Null Gewalt, „Waffenstillstand“. Auch Frieden sollte als graduelle Angelegenheit gesehen werden, als eine Variable, die sich im Grad positiver, kooperativer Interaktion wiederspiegelt.

Zudem ist nur ein Typus von Gewalt inkludiert; nämlich direkte Gewalt, nicht die zugrunde liegende strukturelle und kulturelle Gewalt.

Ein weiterer Punkt, der mehr psychologisch als logisch ist: „oben“ und „unten“ haben wertende Konnotationen, warum situieren wir also nicht den Frieden auf der positiven Seite der Y-Achse und die Gewalt auf der negativen? Mit drei Typen von Gewalt/Frieden ergibt dies drei Y-Achsen.

Eine adäquatere Konfliktanalyse würde von einer sozialen Formation ausgehen und die Levels struktureller und kultureller Gewalt, strukturellen und kulturellen Friedens veranschlagen. Sind diese positiv und hoch, besteht kein Anlass zur Beunruhigung. Sind jedoch beide niedrig, dann sollte dies als eine frühe, sehr frühe Warnung verstanden werden. Beiden ist ein beträchtliches Ausmaß an Trägheit eigen, sie sind für lange Zeit gleichmäßig, permanent, wie das Niveau der Unterdrückung/Ausbeutung eingeborener Völker in Verbindung mit westlicher/christlicher Verachtung und Machismo, die direkte Gewaltanwendung als Katharsis interpretieren.

Strukturelle Gewalt ist wie direkte Gewalt relational; frühe Warnungen basieren nicht auf einer mangelhaften Anwendung der Menschenrechte, auf Elend oder Ungleichheit, sondern auf Ungerechtigkeit: Freiheit und Wohlergehen für X stehen Freiheit und Wohlergehen für Y im Weg. Und kulturelle Gewalt mag genau das legitimieren.

Struktureller und kultureller Frieden entsprechen der Immunität bei einer Krankenanalyse. Bei einer Analyse der Gewalt mag dieser Widerstandskraft nicht nur beunruhigend niedrig sein, sondern sogar negativ, da strukturelle und kulturelle Gewalt selbst Wurzeln für Gewalt darstellen.

Dann kommt das Ausgesetztsein, das man üblicherweise als einen Vorfall sieht, obwohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, vielleicht ein besseres Bild abgibt. Eine letztendliche Provokation, ein zusätzlicher Akt der Repression, Elend und Hunger in unerträglichem Ausmaß. Die Gewalt hat ihre Ursachen vielleicht eher in Verzweiflung und tiefer Frustration und muss nicht ein berechnender, auf einen grundsätzlichen Wandel gerichteter Akt sein.

Doch Gewalt existiert, also wird es wahrscheinlich Gegengewalt geben, der Prozeß entfaltet sich, bewegt sich in diesem Bild nach unten, bis die Kurve sich wieder nach oben wendet, die Gewalt nimmt ab, der Nullpunkt ist erreicht.

Und dann kommt der springende Punkt: Nach dem Waffenstillstand könnte die Situation schlimmer sein, als vor dem Ausbruch der Gewalt, aus Gründen, die wir in den vorhergehenden Abschnitten untersucht haben. Die direkte Gewalt mag; zumindest auf lange Sicht, das kleinere Übel sein als der strukturelle und kulturelle Schaden. Man könnte das mit der Art und Weise vergleichen, wie in manchen Gesellschaften die Hospitalisierung gesehen wird , nämlich einer Marktsituation nicht unähnlich: Der Patient bringt eine Krankheit ein und wird dafür mit zwei oder drei iatrogenen Krankheiten bedient: einem chirurgischen Fehler, einer Infektion; und „Hospitalitis“, wenn auch nur in der Form dauernder Rückenschmerzen.

Allgemein gesagt kann die direkte, konkret sichbare Gewaltanwendung zu einem rühmlichen Ende kommen, anderseits nehmen jedoch strukturelle und kulturelle Gewalt in dem Prozeß zu. Gewalt-Therapie muss von der Krankheits-Therapie lernen: einschließlich der Prävention – man baue am strukturellen und kulturellen Frieden – und schließe Rehabilitation ein, d.h. man baue von Neuem am strukturellen und kulturellen Frieden. Und immer wieder von Neuem.

 

5. Konfliktlösung: Ein Überblick

 

Wenn „Frieden das ist, was wir haben, wenn Konflikt sowohl in kreativer Weise, wie auch gewaltfrei bearbeitet werden kann“, dann ist Konflikt in der Begriffskette höher positioniert als Frieden. Wir beginnen mit dem Konfliktdreieck und versuchen Konfliktlösungsvorstellungen zu entwickeln:

KONFLIKT = HALTUNGEN/EINSTELLUNGEN + VERHALTEN + WIDERSPRUCH

Ein Widerspruch ist eine Unvereinbarkeit in zielsuchenden Lebenssystemen (bewußt vertretene Werte oder positionelle Interessen). Wir lehnen Konfliktlehren, die ausschließlich H-orientiert, (nur psychologische oder religiöse Analysen), B-orientiert (US-Konfliktlehren, wobei Verhalten beobachtbare „Schwierigkeiten“ meint und der„Behaviorismus eine epistemologische , ja sogar ideologische Position darstellt) oder C-orientiert sind (marxistische Konfliktlehren) ab. Konflikte können in irgendeiner Ecke beginnen und sich ausbreiten, z.B. mit negativen Haltungen, Vorurteilen gegenüber Ausländern (“Fremden“), die zu negativem Verhalten führen, zu Diskrimination, worauf eine „Unvereinbarkeit“ sogar erfunden werden kann (wie Drohungen gegen den Staat). Es gibt eine Gestalt zu diesem Dreieck; es handelt sich dabei um ein synergistisches Syndrom. Mit dem Konfliktdreieck ist das Gewaltdreieck verwandt:

GEWALT = KULTURELLE GEWALT + DIREKTE GEWALT + STRUKTURELLE GEWALT. Wir lehnen Gewaltanalysen, die nicht alle drei Spielarten beinhalten, ab. So mag eine kulturell verankerte Annahme darin bestehen, daß, wenn es einen Widerspruch gibt, es folgerichtig ist, daß sich negative Haltungen häufen und schließlich als verbales oder physisches Gewaltverhalten zum Ausbruch kommen (kultureller Frieden akzeptiert einen solchen Standpunkt nicht). Jemand steht der Realisation deiner eigenen Zielsetzung im Wege: Wenn er sich nicht von der Stelle rührt, versuche, ihn aus dem Weg zu räumen, wenn nötig mit Gewalt – vorausgesetzt du bist stärker.

Struktureller Gewalt entspringt aus einer Unvereinbarkeit positioneller Interessen: Was heißt das konkret? Es gibt zwei grundlegende strukturelle Anordnungen bzw. Muster: vertikal und horizontal, die Pyramide und das Rad, die Hierarchie und die Gruppe:

 

Figur 1: Die Pyramide, das Rad, Sowohl als auch und weder noch

 

PYRAMIDE     ZU DOMINANT            ZU VIEL

 

N-1 Verbindungen

 

         Hierarchie         Polyarchie

 

 

 

         Anarchie          Demo-archy

 

 

 

         ZU KLEIN

         ZU LOSE               ZU ENG

 

                   RAD    N (N-1)/2 Verbindungen

 

 

Wir erkennen also vier strukturelle Probleme: „zu dominant“, in politischer Hinsicht heißt das zu repressiv und in ökonomischer Hinsicht zu ausbeuterisch; „zu viel“ bedeutet zu wenig Platz für den Einzelnen; „zu eng“ bedeutet eine Art von gezwungenem Zusammensein und „zu klein“ bedeutet zu große Entfernung. Man kann sich einen Zyklus struktureller Gewalt vorstellen: Menschen oder Nationen brechen aus einem engen Zusammensein und schaffen Distanz, indem sie etwas Vertikalität in größere Strukturen einbringen; die horizontalen Aspekte gehen verloren und die Struktur wird sehr repressiv/ausbeuterisch, es folgen Bürgerkriege und/oder Revolutionen, auf die Abspaltung folgt eine zu große Distanz und ein klassischer Krieg zwischen Nationen/Staaten, darauf wieder folgen „zu enge“ Beziehungen. Und so weiter. Wie gehen wir damit um?

 

Tabelle 2 Die Praxis-Triade: DIAGNOSE + PROGNOSE + THERAPIE

 

 

Konflikt

Dreieck

Verhalten

Widerspruch

Haltungen/

Supposita bzw.

Einstellungen

Problem=

Gewalt

Direkte

Gewalt

Strukturelle
Gewalt

Kulturelle

Gewalt

Diagnose

Geschichte direkter

Gewalt;

Geschichte struktureller

Gewalt;

Geschichte kultureller

Gewalt;

alle definieren die

Gegenwart

 

Vertikal:

Unterdrückung/

Ausbeutung

Eindringung

Segmentation

Fragmentation

Ausschließung

Horizontal:

-zu viel,

-zu wenig Interaktion

Kosmologie:

ART-Syndrom

DMA-Syndrom

Universalismus im Verein mit Singularis-mus

Utopismus im Verein

mit Endzuständen

Prognose

Eskalation,

Fortdauer bis die Prognosen übereinstimmen;

oder keine Energie

Fortdauer

falls keine Bewußt-seinsbildung und

Friedensbemühungen

Fortdauer

falls keine Bewußt-seinsbildung und

Friedensbemühungen

Selbsttherapie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Therapie

andere betreffend

Gewaltlosigkeit

-negative, Märsche, Streiks, Hungerstreiks etc.

- positive, Konstruktion

menschlicher Kontakt

gemeinsame Bemühungen

 

 

 

 

Gewaltlosigkeit

-negative,

als Geiseln

-positive, als Bindeglieder der

Kommunikation wie oben mit der Bereitschaft zum Risiko

Kreativität

Bewußtheit der Verti-

kalität

Organisation

Konfrontation

Kampf

Entkoppelung=

Vertrauen auf sich selbst

sorgfältige Wiederankoppelung

 

Kreativität -

Samen sähen, für jede Konfliktpartei extra

- die Samen gießen

Ideen fördern

Teilnahme an Dialogen

mit expliziten Friedens-

zielen

Vermittlung

Schlichtung

Empathie

Bewußtheit des individuellen und kollektiven Unterbewußten;

Ursachen aufspüren

Auswirkungen aufspüren

Codes modifizieren

Codes aufbauen

 

 

Empathie

- positive, versuchen, die rechtmäßigen Ziele aller Parteien zu identifizieren;

- negative, versuchen, unrechtmäßige, unnötige Ziele zu eliminieren

den Konflikt begrenzen

 

 

Diese Tabelle ist als grobe Übersicht zum Thema Friedensstudien gemeint und wird hier nicht weiter kommentiert. Entscheidend ist der Versuch, mit Selbsttherapie (wünschenswert) und Therapie andere betreffend (oft notwendig) alle drei Eckpunkte des Dreiecks in den Griff zu bekommen. Dabei wird direkte Gewalt durch Gewaltlosigkeit, strukturelle Gewalt durch Kreativität (die die in den Strukturen liegenden Widersprüche transzendiert) und kulturelle Gewalt durch Empathie mit allen Konfliktparteien, einschließlich mit sich selbst, ersetzt (insbesondere letzteres ist oft nicht leicht). Unter Empathie verstehen wir das kognitive und emotionale Teilhaben, Einleben und das Mitgefühl, das Fühlen und Verstehen der Leidenschaften des Anderen, ohne daß man zwangsläufig damit übereinstimmt.

Es wird kaum notwendig sein, nochmals festzuhalten, daß der richtige Augenblick, den Konfliktlösungsprozeß zu starten, nicht erst beim ersten Aufflackern von Gewalt gegeben ist – auch wenn dies fälschlicherweise häufig so gesehen wird. Friedensarbeit sollte sofort und jederzeit in Angriff genommen und niemals beendet werden. Wie in der Krankheitstheorie gibt es keine Grenzen für Prävention und keine für Rehabilitation. Es gibt eine Grenze für die Therapie – wenn der Patient keine Symptome mehr zeigt. Die Theorie über die Gewalt funktioniert in derselben Art und Weise, doch ist die Terminologie in der dritten Phase verschieden. Das Wort „Rehabilitation“ hat immer noch für die an Körper und Geist Verwundeten seine Gültigkeit und könnte verallgemeinert werden, gerade so wie die Begriffe Diagnose-Prognose-Therapie aus der Theorie der Krankheiten entnommen sind.

Der Unterschied besteht darin, daß in einer gewalttätigen Auseinandersetzung nicht nur die involvierten Parteien Schaden erleiden sondern auch die Beziehung zwischen ihnen. Rehabilitation wird zu einer Frage der Parteien und ihrer Beziehung zueinander. Für den ersten Punkt können wir den Begriff Rekonstruktion verwenden, für den zweiten Versöhnung. Doch zuerst noch etwas Konkreteres über zwei Ansätze zur Konfliktbearbeitung.

 

Der Demokratie-, parlamentarische Ansatz.. Daß jeder wahlberechtigte Staatsbürger eine Stimme hat und daß die Mehrheit regiert, gehört ohne Zweifel zu den genialeren gesellschaftlichen Innovationen der Menschheit, was aber nicht heißt, daß dieses System nicht auch seine Mängel hat. Zwei wesentliche Mängel der demokratischen Theorie sind die folgenden:

#1: Demokratie kann Diktatur einer 51%-Mehrheit bedeuten; es können damit Versuche unterdrückter Nationen und ausgebeuteter Klassen, ihre Lebensumstände zu verbessern, abgeblockt werden. Unterdrückung und Ausbeutung wirken auch einer Bewußtseinsbildung/Mobilisierung der Unterprivilegierten entgegen, da sie die Ressourcen beschneiden.

#2 Demokratisch zustande gekommene Mehrheiten im Staatsinneren sind kein Garant dafür, daß nach außen hin eine demokratische Politik verfolgt wird. Eine außenpolitische Entscheidung, die Auswirkungen auf andere Länder hat, kann aus derTatsache, daß sie auf demokratische Weise zustande gekommen ist, keine Legitimität ableiten.

Die Menschenrechte können den Mangel #1 etwas lindern, indem sie ein Mindestauskommen garantieren. Doch selbst wenn man sich auf sie im Falle von Unterdrückung berufen kann, kommen sie gegenwärtig im Kampf gegen die Ausbeutung nicht zur Anwendung. Zudem könnte es sein, daß Menschen mehr als nur ein Mindestauskommen verlangen.

Intergouvernementale Organisationen können den Mangel #2 zufolge der Formel „eine Stimme für eine Regierung“ etwas lindern. Doch kann Mangel #1 virulent werden, wobei durch Stimmenmehrheit sogar eine Gewaltaktion legitimiert werden kann.

In der demokratischen Theorie gibt es also kulturelle Gewalt. Beide Mängel kann man eliminieren, wenn die Demokratie als Dialog auf einen Konsens hin wirksam ist und nicht nur eine Debatte mit dem Ziel, das Wahlverhalten zu beeinflussen, darstellt. In großen Systemen reicht dies jedoch möglicherweise nicht aus und so wird Gewaltlosigkeit als Methode notwendig.

Der beste Rat wäre also, sich an die Regeln zu halten, auch wenn sie nicht perfekt sind, und versuchen, durch die Kraft der Worte zu überzeugen und nicht durch Waffen oder Bestechungen. Für eine unterdrückte Gruppe liegt der beste Weg aus dieser Situation wahrscheinlich in der Erziehung und Ausbildung: Durch Studien und akademische Grade ist wahrscheinlich mehr zu erreichen, als durch Sport/Künste und Religion, auch wenn das Steuerungspotential der letzteren nicht unterschätzt werden sollte.

 

Der gewaltlose, außerparlamentarische Ansatz. Der springende Punkt bezüglich der Gewaltanwendung ist, daß sie nicht funktioniert; jeder Sieg wird aus den vielen angeführten Gründen nur von kurzer Dauer sein und schließlich zum eigenen Scheitern führen. Ein grundlegender Punkt bezüglich der Gewaltlosigkeit ist, daß sie wirksam sein kann, als gewaltlose Revolution gegen Unterdrückung/Ausbeutung („zu dominant“) und als nichtmilitärische Verteidigung gegen eine Invasion („zu lose“). Der wichtigste Punkt wäre jedoch, in einem Konflikt darum zu kämpfen, daß die sichtbaren und unsichtbaren Auswirkungen nicht auftreten. Ein kurzer Blick auf Tabelle 2 zeigt uns, daß dies ein umfassender Auftrag ist; und wenn wir uns kurz vor Augen führen, was Gandhi machte, dann wird uns klar, daß Gandhi das gemeint hat, als er sagte, daß es keinen Weg zum Frieden gibt, weil Frieden der Weg ist und daß, wenn man auf die Mittel achtet, das Ziel sich von alleine einstellt.

Ein Sieg im konventionellen Sinn, indem versucht wird, ein anfänglich erklärtes Ziel zu erreichen, ist weniger wichtig, als die Parteien und ihre Beziehung zueinander zu ihrem Vorteil zu verändern. Der Konflikt wird zu einem Medium für gegenseitige „Erziehung“; die Parteien können gemeinsam lernen, wie man Konflikte nach oben transformiert (eher als daß man sie „löst“), so daß sie gewaltlos und in kreativer Weise bearbeitet werden können. Solcherart kommen sie nicht nur unbeschädigt aus dem Konflikt, sondern mit höherer Konflikttransformationskapazität.

Wir haben kürzlich eine Anzahl von Fällen gesehen, bei denen ehemalige kriegsführende Mächte auf einem anderen Level der Gesellschaft gewaltlos zu kooperieren begannen. Wir haben aber auch das grundlegende Problem gesehen: Solche Prozeße bedrohen das Potential, das die Politiker im Allgemeinen und die Regierungen im Besonderen kontrollieren; diese neigen dazu, den Konflikt zu expropriieren und ihn dann wieder nach unten zu transformieren, da sie nicht bei der gewaltlosen Aktion partizipiert haben. Sic transit?

 

6. Rekonstruktion nach einer Gewaltanwendung: Ein Überblick

 

Das schlimmste für die Menschheit ist ein Krieg. Er verlangt Opfer, Tote und Verwundete; zu seinen Folgen gehören die Hinterbliebenen, die Traumatisierten, der materielle Schaden und der der Natur zugefügte Schaden. Ohne Grenzen ist die Arbeit, die unter dem Begriff Wiederaufbau zu leisten ist, wie beispeilsweise die Rehabilitation -- die Heilung der traumatisierten Menschen, der Hinterbliebenen wie auch der Verwundeten (beratende Unterstützung bei posttraumatischen Stressleiden) und der Wiederaufbau, die Reparatur des materiellen Schadens, neue Bautätigkeit, einschließlich einem helfenden Eingreifen, damit sich die Natur erneuern kann.

Ein Blick auf Tabelle 1 zeigt uns jedoch, daß noch mehr Arbeit zu verrichten ist. Die Rekonstruktion auf Rehabilitation und Wiederaufbau zu beschränken, heißt, denselben Trugschluss, der, wie man in der Soziologie sagte, in einer misplaced concreteness besteht, zu begehen, wobei wieder einmal das Sichtbare (Ruinen, Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern, weinende Menschen) auf Kosten der unsichtbaren Auswirkungen im Vordergrund steht.

Die anderen Punkte in Tabelle 1 kann man im Großen und Ganzen unter zwei Stichworten zusammenfassen: Schaden, der der Struktur und Schaden, der der Kultur zugefügt wird. Strukturen müssen zusammengewoben werden, aber nicht zu dicht und nicht zu dominant. Und Kulturen müssen Friedenskulturen werden.

Was aber ist zum Schaden, der der Natur zugefügt wurde, zu sagen? Es genügt nicht, einen Wald zu säubern, der als Schlachtfeld benutzt wurde, einschließlich der Entfernung aller Schadstoffe und dem Pflanzen neuer Bäume. Wir müssen versuchen, ausgereifte Ökosysteme mit einer Struktur der Diversität und Symbiose aufzubauen und wir müssen versuchen, jenen, die den Schaden verursacht haben, eine Friedenskultur mit Respekt für die Natur einzupflanzen. Zwei Bemerkungen über den Partikel „re“, der in manchen Lehnwörtern in unserem Text anzutreffen ist. Er bedeutet wieder. Und wieder. Ohne Ende. Und damit ist nicht die Wiederherstellung des Status quo ante gemeint, außer, dieser ist gut genug.

 

Rehabilitation: Der Ansatz kollektiver Trauer. Posttraumatisches Stressleiden ist wegen des hohen Grades an Irreversibilität eine sehr problematische Angelegenheit. Wir untersuchen hier nur einen Ansatz: den der kollektiven Trauer – auch ein mögliches Antidot zu einer ausgeprägten Triumphhaltung.

Die Greuel haben stattgefunden. Die normale Reaktion ist Trauer unter den Hinterbliebenen und ihren Bekannten. Die Trauer findet ihren Ausdruck in Beileidsbezeigungen, eine gewisse Zeit wird getrauert, noch vor nicht langer Zeit trugen Frauen schwarz und Männer hatten ein schwarzes Band um den Arm. Schließlich gibt es eine Feier, um das Ende zu kennzeichnen und deutlich zu machen, daß das Leben weitergeht. Man gedenkt der Toten und rückt die Tatsache, daß das Leben weiter geht und die damit zusammenhängende Herausforderung ins Bewußtsein.

So weit, so gut; all das kann von Siegern und Besiegten nach den Greueln gleichermaßen organisiert werden. Wesentlich ist aber die Frage nach dem Thema, dem Grund für die Trauer. Wir trauern, weil wir die Toten vermissen und Mitgefühl mit den Hinterbliebenen und Verwundeten empfinden? Das kann und sollte auf der Ebene der Familie und der Community so gehalten werden. Trauer, wie wir sie verstehn, sollte jedoch auch noch eine andere Botschaft enthalten.

Daß der Sieger das Opfer, das notwendig war, um zu gewinnen, kollektiv beklagt und daß der Verlierer das Opfer, das nicht ausreichte, kollektiv beklagt, ist lediglich Teil der Kriegskultur. Eine Friedenskultur würde den Krieg als solchen beklagen, jeglichen Krieg als Zeichen menschlichen Versagens und menschlicher Narretei. Ein Krieg sollte, angesichts des Potentials menschlicher Ressourcen, niemals gerechtfertigt werden. Krieg ist ein Skandal; jeder Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit und müßte als solches beklagt werden. Um dieses Thema kann sich die Trauer kristallisieren. Das Schlechte kann in etwas Gutes verwandelt werden: eine Ablehnung des Krieges als solcher als Ursache der Trauer.

 

Wiederaufbau: Der Entwicklungs-Ansatz. Natürlich kommt nach der Destruktion die Konstruktion und mit der Konstruktion kommen neue Gelegenheiten. Die Menschen, die dies am klarsten gesehen haben, sind die Unternehmer, die staatlichen und die des Kapitals, die sich äußerst bereitwillig auf eine vom Krieg zerrissene Gesellschaft stürzen, um aus dem Desaster Nutzen zu ziehen (manchmal kann man sie auch der Organisation eines gewissen Teils der Destruktion verdächtigen). Es gibt einen Raum für den privaten Sektor, für ihre Fähigkeit (wenn auch nicht immer für ihre Motivation); überließe man alles ihnen, so könnte dies bedeuten, daß man die militärische Invasion durch eine ökonomische ersetzt und die direkte Gewalt durch strukturelle Gewalt.

Benötigt wird ein nationaler Dialog, mit allgemeiner Partizipation der Bürger. Niemand hat ein Monopol dafür, das Entwicklungsziel zu definieren; jeder hat das Recht, an dem Prozeß teilzunehmen. Um Gandhi zu paraphrasieren: Es gibt keinen Weg zur Entwicklung, Entwicklung ist der Weg. Und das betrifft auch die menschliche Entwicklung, die jedem zukommt, der die Herausforderung auf sich nimmt, sich Vorstellungen von der Gesellschaft und der Welt nach den Greueln zu machen; es inkludiert auch die gesellschaftliche Entwicklung, die eine Gesellschaft, die einen kollektiven Dialog über ihre eigene Zukunft führt, erwarten darf; und die kulturelle Entwicklung, die aus neuen Konzeptionen ihren Ausgang nimmt.

Dies darf nicht mit der populistischen Auffassung, daß das Volk immer Recht hat, die Eliten niemals, verwechselt werden. Es gibt Platz für Stadtbaumeister und Architekten, die die Anliegen und Vorstellungen der Menschen, die in ihren Städten und Häusern leben werden, ernst nehmen, und den Dialog bis zu einem gewissen Konsens fortsetzen, aber nicht für jene, die unfähig sind, den Menschen zuzuhören. Kurz, es zeigt sich wiederum die Weisheit, die in dem alten chinesischen Sprichwort, eine schlimme Sache in eine gute zu verwandeln, enthalten ist; dies soll jedoch nicht als Entschuldigung für die Greuel dienen.

 

Restrukturierung: Der Friedensstruktur-Ansatz. Das Wort Demokratisierung drückt viel von dem aus, was unter dem allgemeineren Begriff „Restrukturierung“ (für den Frieden) enthalten ist. Wie lobenswert auch immer ein politisches System mit einer der Legislative verantwortlichen Exekutive und der der Bevölkerung verantwortlichen Legislative ist, wobei die Bevölkerung ihren Willen in geheimer Wahl frei ausdrücken kann, so muss man dabei doch mehrere Aspekte kritisch betrachten.

Ein Ausbruch von Gewalt hat üblicherweise zwei strukturelle Gründe: zu große Dominanz, politisch als Unterdrückung und/oder ökonomisch als Ausbeutung; oder zu große Distanz zwischen Klassen oder anderen Gruppen, einschließlich Ländern. Verbinden wir die beiden und wir erhalten das als (soziale) Ausschließung oder Marginalisierung bekannte Problem. In extremen Fällen führt das zu einem Zustand, den man Atomie nennen kann, nämlich zu einer pathologischen Gesellschaft egozentrischer Individuen, die sich an Kosten-Nutzen orientieren und über wenig oder gar keine sozialen Bindungen verfügen.

Restrukturierung würde über die demokratischen Einrichtungen hinaus darauf abzielen, durch Verbesserung des erzieherischen und Gesundheitsniveaus eine soziale Ausschließung der Marginalisierten zu eliminieren. Um den Prozeß zu beschleunigen, könnten sich Studenten ein Jahr zur Verfügung stellen, mit einer des Lesens und Schreibens unkundigen Familie leben und diese alphabetisieren; Medizinstudenten könnten die Menschen in elementarer präventiver und kurativer Medizin instruieren. Doch kommt man nicht darum herum, produktive Ressourcen (Land, Kredit, Technologie und Management) besser zu verteilen. Die noch immer anzutreffende Kluft der Ungleichheit verhindert ein wirksameres Funktionieren der Demokratie.

Solche Maßnahmen werden die vertikale soziale Distanz reduzieren. Um die horizontale Distanz zu verringern, ist eine Stärkung der lokalen Community im Verein mit dem Aufbau von Verbindungen zu anderen durch regierungsunabhängige Organisationen, Faxe, E-Mail etc. unerlässlich. Am besten sind natürlich direkte Kontakte!

 

Rekulturisierung: Der Friedens-Kultur.Ansatz Wieder sind wir mit einem Doppelproblem konfrontiert: eine Kultur der Gewalt durch eine Kultur des Friedens zu ersetzen und eine Kultur aufzubauen, wo es keine gibt. Wenn die Gesellschaft den pathologischen Zustand der Anomie erreicht hat, haben Normen ihre bezwingende Kraft verloren, denn es gibt keine inneren oder äußeren Sanktionen mehr (gutes oder schlechtes Gewissen, Belohnung oder Bestrafung – bzw. die damit zusammenhängenden Versprechen/Drohungen.

Ein einfacher Weg zum Aufbau einer Friedenskultur würde darin bestehen, praktisches Wissen um Konflikte sowie Fertigkeiten zu ihrer Bearbeitung vom Kindergarten ausgehend bis über das akademische Studium hinaus zu vermitteln, wobei man mit Problemen der Art „zwei Kinder, eine Orange; was ist zu tun?“ (mindestens zehn qualitativ verschiedene Antworten sind gefragt) beginnen könnte. Eine ganze Reihe guter und gutgeschriebener Bücher mit fünfzig oder hundert konkreten Geschichten darüber, wie Konflikte von der intra-personalen bis zur inter-regionalen Ebene tatsächlich ohne Gewaltanwendung gelöst wurden, werden benötigt.

Für über 90% der direkten Gewalt auf der Welt sind die Männer verantwortlich, also wäre eine Demystifizierung der männlichen Mystik gefragt. Die Vorstellung, daß männliche Selbstverwirklichung auch durch Gewalt erreicht wird („taff“, „tapfer“, „heldenhaft“ sind positive Code-Wörter, „Feigling“, „Hasenfuss“ negative) findet man nicht nur im Machismo iberischer Provenienz.

Einige Zivilisationen sehen sich als auserwähltes Volk, getrieben durch in der Vergangenheit erworbenen Ruhm und erworbene Traumata in einem Kampf zwischen Gut und Böse nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, andere zu erobern. Solche extremistischen Überzeugungen müssen in Frage gestellt werden. Schließlich wäre eine effektive Propagierung eines neuen Welt-Ethos, das auf den Werten des Friedens, der Entwicklung, der Umwelt, der Demokratie und der Menschenrechte basiert, nötig. Wie aber soll das geschehen.

 

7. Versöhnung nach einer Gewaltanwendung: ein Überblick

 

Im Folgenden erwähnen wir zehn Ansätze zur Versöhnung – einem Thema mit tiefenpsychologischen, soziologischen, theologischen, philosophischen und einfach tiefen menschlichen Wurzeln – und bringen einige Vorschläge mit Hinweisen, was für jeden getan werden könnte.

Doch beginnen wir mit einer Auflistung zu derem vollständigen Verständnis die Lektüre der Anmerkungen zu den verschiedenen Ansätzen (approaches) notwendig ist.

Üblicherweise gibt es, über Täter und Opfer, eine Dritte Partei als Quelle von Gesetz, Gerechtigkeit und Gnade: Gott, den Staat (oder die internationale Staatengemeinschaft), die Gesellschaft (das Volk).

Im Prinzip besteht alles, was die Dritte Partei tun kann, darin, entweder die Beziehung zwischen Täter und Opfer zu steuern, oder diese Beziehung in eine Beziehung zu sich selbst verwandeln; den Täter zu bestrafen und/oder das Opfer zu trösten (einschließlich eines Versuches unter Zugrundelegung der Theodizee die entscheidende Frage zu beantworten: warum gerade ich?).

Im Prinzip kann das Opfer für den Schaden, der ihm zugefügt wurde, vom Täter Ersatz verlangen; oder von der Dritten Partei, indem es den Täter bestrafen läßt; oder indem es durch Rache mit dem Täter „auf gleich“ kommt. Daraus kann eine materielle und nicht materielle Befriedigung abgeleitet werden, schwerlich wird es dadurch aber zur Versöhnung kommen. Im Prinzip kann der Täter versuchen, sich von der Schuld zu befreien, indem er sich der Dritten Partei unterwirft, eine Strafe oder Buße akzeptiert oder indem er versucht, mit dem Opfer zu einer Versöhnung zu gelangen. Diese beiden, und niemand anders, können ihn dabei von der Schuld gegenüber sich selbst befreien.

Eine Versöhnung muss also im wesentlichen zwischen Täter und Opfer stattfinden, wobei die Initiative wohl eher vom Täter als vom Opfer ausgehen muss.

 

Der Reparations/Wiedergutmachungs-Ansatz. X hat Y Schaden zugefügt, X ist sich seiner Schuld bewußt, Y ist sich des Schadens bewußt. X kommt zu Y und bietet eine Wiedergutmachung an: Ich werde den angerichteten Schaden wiedergutmachen und den Status quo ante wiederherstellen. Von der einfachsten Ebene, wenn beispielsweise ein Mieter eine neue Vase kauft, um eine zerbrochene zu ersetzen, bis zu der sehr komplexen Ebene, auf der Länder/Allianzen miteinander Krieg führen, fließt Geld, werden Güter und Dienstleistungen in Bewegung gesetzt, um den Schaden gutzumachen. Manchmal geschieht das direkt, manchmal durch Institutionen wie Versicherungsgesellschaften (z.B. für bei Verkehrsunfällen beschädigte Autos; wobei Länder sich noch nicht gegen Kriegsschäden versichern). Wie jedoch jeder Haus- oder Autoeigentümer weiß, bringt ein solcher Vorfall auch einen Verlust an Zeit und es entstehen Opportunitätskosten. Die Wiedergutmachung muss immer auf einem höheren Level stattfinden, als dem der Wiederbeschaffungskosten.

Dieser Ansatz funktioniert nur, wenn die Folgen der Gewalt reversibel sind. Irreversibilität ist gegeben, wenn es sich beispielsweise nicht um eine Vase aus der Minh-Dynastie handelt, sondern um eine, die als Teil des Familienerbgutes einen affektiven Wert besitzt. Wenn ein Trauma ausgelöst wurde und sich tief eingegraben hat, dann besteht die Gefahr, daß ein solcher Ansatz einer Beleidigung nahekommt, die das Maß an Gewalt noch verstärken würde.

Ein weiterer Vorbehalt: Eine Schadenswiedergutmachung beinhaltet auch ein Element, des Selbst-den-Kopf-aus-der-Schlinge-ziehen-wollens: Man versucht zu erreichen, daß das Opfer vergißt, was ihm angetan wurde und will sich damit auch gleichsam von der Schuld freikaufen. Der Schaden wird zu einer Handelsware reduziert: „Irrtümlicherweise habe ich dir einen Gebrauchsartikel weggenommen, hiemit erhältst du ihn mit 10% Zuschlag für die Unannehmlichkeiten und die verlorene Zeit“ zurück.

Drittens ist das Geschäft mit Reparation/Wiedergutmachung sehr einträglich. Güter und Dienstleistungen fließen, es kann zur Schaffung einer Postreparationsnachfrage kommen; und die Möglichkeit, daß dieser ganze Prozeß vorsätzlich in Gang gesetzt wurde, ist vielleicht nicht immer weit hergeholt.

 

Der Entschuldigungs/Verzeihungs- Ansatz. X hat Y Schaden zugefügt; X ist sich seiner Schuld bewußt; Y weiß um den Schaden: Beide sind traumatisiert. X kommt zu Y, sagt, daß es ihm aufrichtig leid tut und bittet um Entschuldigung. Y nimmt die Entschuldigung an. Es kommt zu einer zweifachen spirituellen Transformation: Etwas, das mit Gewaltanwendung seinen Anfang nahm, findet sein Ende durch das Anbieten und das Annehmen einer Entschuldigung; „sowohl als auch“, nicht „entweder oder“. Metaphern wie „eine Seite umblättern“, „ein neues Kapitel, ja sogar ein neues Buch“ in der Beziehung „beginnen“, werden beschworen. Die Schiefertafel mit der alten Schuld ist gelöscht, ab jetzt werden darauf positive Akte vermerkt. Was war, ist vorbei und vergessen.

Ist es auch „vergeben“? Heißt „Ich nehme deine Entschuldigung an“ „Ich vergebe dir“? Sicherlich nicht. Einige Übersetzungsvarianten:

„Ich entschuldige mich“ = „Ich möchte das Geschehene ungeschehen machen und verspreche, daß so etwas in Zukunft nicht mehr geschehen wird“.

„Ich akzeptiere deine Entschuldigung“ = „Ich glaube dir, vergiß es, das Leben geht weiter“

„Vergib mir bitte“ = „Befreie mich bitte von der Schuld, die ich dir gegenüber empfinde“

„Ich vergebe dir“ = „Hiemit befreie ich dich von deiner Schuld mir gegenüber“

So geht die Verzeihung einen Schritt weiter, indem sie einen Bezug zum Trauma der Schuld herstellt. Schuld ist im Geist (spirit) und kommt aus dem Bewußtsein, jemandem Unrecht zugefügt zu haben. Dies schafft eine Beziehung zum Opfer, zum eigenen Ich und zu einem Gott, an dem man glaubt. Das Opfer kann den Täter lediglich von der ersten Schuld befreien, die jedoch für viele ohnehin die größte Schuld ist. Das Positive an diesem Ansatz ist ein gegenseitiges Mitgefühl, das sich zwischen X und Y anbahnt; negativ ist seine Oberflächlichkeit. X gibt zu, daß er den Schaden als etwas, das er ungeschehen haben möchte, sieht, und Y hilft ihm dabei, indem er sagt, daß er von jetzt ab leben könne, als ob es niemals einen Schaden gegeben hätte. Die Ursachen der Gewalt bleiben jedoch unberührt; diese Herangehensweise ist H- und nicht C-orientiert, wobei auch auf einige B-Effekte gesetzt wird.

 

Der theologische/Reue-Ansatz. In der westlichen Welt verbindet man mit diesem Ansatz das Christentum; er ist im Allgemeinen täterorientiert und im Besonderen schuldorientiert. Weiter oben wurden drei Dimensionen der Schuld angedeutet: gegenüber dem Anderen, dem Opfer; gegenüber dem Selbst; gegenüber Gott. Matthäusevangelium 25:40 „Was ihr einem der geringsten meiner Brüder angetan habt, das habt ihr auch mir angetan“. Hier spricht Jesus Christus, Gottes Sohn, er vertikalisiert die Schuld, nimmt sie aus dem Kontext von Selbst/Anderem und bringt sie in den Kontext von Selbst/Gott (die Selbst/Selbst-Variation wird als Ableitung von letzerer angesehen). Das Verhältnis Selbst/Anderer wird demgegenüber zweitrangig.

Der Ansatz besteht aus einer eindeutig definierten Kette: Unterwerfung-Bekenntnis/Beichte-Buße/Reue-Absolution; Unterwerfung unter Gott, Absolution durch Gott, stellvertretend erteilt durch die ihn repräsentierende (orthodoxe und katholische) Kirche oder direkt (bei den Protestanten). Die durch Vorschreibung suggerierte Buße ist im Grunde selbstauferlegt: Gebet, Fasten, Kloster, Geißelung. Besser etwas Schmerz in diesem Leben als ewigen Schmerz im Leben nach dem Tode. Die Absolution befreit den Täter von der Schuld Gott gegenüber.

Ein Problem liegt darin, daß dies nur für den Gläubigen funktioniert oder einen Menschen, der zumindest etwas gläubig ist. Für den Atheisten gibt dies nicht viel her. Und auch nicht für den Protestanten, der das Wort der Kirche nicht als etwas Endgültiges akzeptiert. Seine Schuld bleibt eine Bürde.

Ein weiteres Problem liegt darin, daß dieser Ansatz weder das Problem Selbst/Anderer noch das Problem Selbst/Selbst löst. Es kann sogar beide verschärfen, indem es als Vorwand benutzt wird, eine Begegnung mit dem Anderen zu vermeiden, wobei es vom Anderen auf dieselbe Weise gesehen wird und wenn das Selbst/Selbst-Problem nicht schwindet, dann kann es zu Zweifel an der Absolution Gottes kommen. Und für den Anderen bleibt die Theodizee.

 

Der juristische /Bestrafungs-Ansatz. Dies ist die säkulare Version des oben gesagten, entsprechend dem plus ça change plus c'est la même chose. Der Nachfolger Gottes ist der Staat (in den Vereinigten Staaten das „Volk“, wie z.B. in dem Fall „das Volk von Kalifornien gegen O. J. Simpson“); Der Nachfolger des Täters ist der Täter und der Nachfolger des Opfers ist das Opfer; die Täter-Opfer-Beziehung wird in eine Täter-Staat-Beziehung verwandelt mit dem Richter in der Rolle des Priesters. Der vorgeschriebene Prozeß heißt nun Unterwerfung-Bekennen-Strafe durch Absonderung von der Gesellschaft-Wiederzulassung zur Gesellschaft; die Logik ist dieselbe: Der Täter wird von der Schuld gegenüber der „Gesellschaft“ befreit; die beiden anderen Formen der Schuld bleiben. Zur Frage der Probleme siehe oben.

Eine persönliche Bemerkung: Während eines sechs Monate dauernden Einsitzens in einem norwegischen Gefängnis (ich hatte den Zivildienst verweigert) ergaben sich für mich reichlich Gelegenheiten zu Gesprächen über Verbrechen und Bestrafung. Zwei Punkte waren nicht zu übersehen: Es gab wenig, das die Kriminellen so sehr anstrebten, wie die Beziehung zum Opfer in Ordnung zu bringen, mit Enschuldigung/Verzeihung und Wiedergutmachung, und es gab wenig, das sie so fürchteten wie die Begegnung mit dem Opfer. Das ging manchmal so weit, daß sie in den Gefängnismauern vor allem einen Garant dafür sahen, daß die Opfer daran gehindert wurden hereinzukommen.

Wie funktioniert dies nun bei kollektiver Gewaltanwendung? Wie zu erwarten: Die Angeklagten sind in den meisten Fällen Täter einer Gewaltanwendung von Person zu Person, diejenigen, die mit Macheten und Gaskammern töten und nicht jene die sich dazu ferngesteuerter Raketengeschoße und Atombomben bedienen.; und es sind eher die Vollzieher der Gewalt als die Zivilisten, die den Befehl geben oder das in die Wege leiten; in bellum und nicht ad bello. Daraus resultiert, daß die moralischen Auswirkungungen wahrscheinlich relativ unerheblich sind.

 

Der codependent origination/Karma Ansatz. Daß der Buddhismus eine Ethik der Gewaltlosigkeit besitzt (ahimsa) ist weitgehend bekannt; daß er über eine Erkenntnislehre zur Systemanalyse verfügt, die auf interagierenden Kausalketten/Zyklen fußt, weniger. Konkret bedeutet das folgendes: Obwohl jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt sich zu einer gewaltlosen Aktion entscheiden kann, ist diese Entscheidung durch sein Karma beeinflußt, seinen moralischen Zustand in jenem Augenblick, einer Akkumulation all seiner Handlungen unter dem Motto „was immer du tust, früher oder später fällt es auf dich zurück“ und durch das Karma des Opfers und durch ihr gemeinsames, kollektives Karma; die Gesamtsumme der Verdienste und Verschulden durch frühere Taten.

Da diese miteinander verbundenen Ketten sich in die Vorleben der Vergangenheit erstrecken, in die Seitenleben des Situationskontexts und in die Nachleben der Vergangenheit, kann man das aus einer Gewaltaktion resultierende Verschulden nicht ausschließlich einem individuellen Urheber in die Schuhe schieben. Für ein schlechtes Karma sind immer mehrere verantwortlich. Daher bedient man sich zur Verbesserung des Karmas eines äußeren Dialoges. In der Praxis bedeutet dies einen runden Tisch mit einer symmetrischen Sitzordnung, ohne daß solche Rollen wie die des Angeklagten, des Anklägers, des Verteidigers und des Richters zugeteilt werden. Vorher jedoch kommt es zu inneren Dialogen bei denen alle Beteiligten versuchen, mit dem in ihrem Inneren waltenden Kräften zu Rande zu kommen.

Es gibt also im buddhistischen Denken keinen Täter, der alleine hundert Prozent der Verantwortung trägt; alles wird in Raum und Zeit gemeinsam verantwortet. Wenn man dem Christentum eine zu schwarz-weiße Sicht der Dinge vorwerfen kann, dann dem Buddhismus eine zu „graue“. Doch ist die Idee, eher zusammenzuarbeiten, um die Löcher in einem Boot zu stopfen als nach dem zu suchen, der das erste Loch gebohrt hat, sowohl für die Konfliktlösung wie auch für die Versöhnung nicht ohne Reiz.

 

Der historische/Wahrheits-Kommissions-Ansatz. Hier geht es darum, alles ganz genau zu beschreiben, wie es eigentlich gewesen ist, bzw. was tatsächlich geschah. Bei dem Erklärungsversuch läßt man die Taten, einschließlich der Gewalttaten, als logische Konsequenzen der vorangegangenen Ereignisse erscheinen, mit der Annahme tout comprendre, c'est tout pardonner. Obwohl das unschöne getting the facts straight wichtig ist, muss man hier einige ernsthafte Probleme zur Sprache bringen.

Zuallererst: Das berühmte französische Sprichwort, das wir zitiert haben, mag für manchen in moralischer Hinsicht einen Reiz bereithalten; als deskriptive Hypothese wird es jedoch häufig widerlegt. Der hässliche Akt liegt klar auf der Hand, ob jetzt die Namen derTäter erwähnt werden oder nicht: Warum Straffreiheit? Warum sollen sie den Kopf aus der Schlinge ziehen können? Man kann argumentieren, daß die Täter ebenfalls den Bericht lesen, der ihre Schuld den Opfern gegenüber, ihnen selbst gegenüber und dem Gott, an den sie glauben, gegenüber, publik macht. Daß ihnen dies und die gesellschaftliche Ächtung eine Qual bereiten wird. Doch ist das genug?

Zweitens schafft dies allein noch nicht die Katharsis der angebotenen und erhaltenen Entschuldigung, der erhofften und angebotenen Verzeihung. Der Prozeß ist rein deskriptiv, nicht spirituell.

Drittens sind positivistische Historiker für den Umgang mit Tiefenkultur und Struktur, mit dem Unbewußten ohne „Quellen“, mit einer im Konjunktiv geschriebenen Geschichte (was wäre geschehen, wenn) nicht gerade prädestiniert; und die Geschichte der Zukunft (wie vermeiden wir dies in der Zukunft?) ist überhaupt verbotenes Territorium.

Viertens sollte man den Prozeß nicht nur den Gelehrten, deren Aufgabe es ist, die offizielle Version zu erarbeiten, überlassen. Besser wären zehntausend Kommissionen mit Menschen aus dem Volk, in jeder lokalen Community, in jeder regierungsunabhängigen Organisation, mit Einbeziehung aller Beteiligten, die versuchen, zu einem gemeinsamen Verständnis zu gelangen und die sich in diesem Prozeß wieder versöhnen.

 

Der Theater-Ansatz des Noch-einmal-durchlebens. Dieser Ansatz versucht genau das: eine Beteiligung aller Parteien bei zehntausend Simulationen, in denen die Geschichte noch einmal durchlebt wird. Dabei geht es nicht um Dokumentation oder „Objektivität“, sondern um das erneute Erleben der subjektiven Erfahrung. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten das zu tun.

Wenn jemand als Zeuge einer historischen/Wahrheits-Kommission erzählt, was geschah, so durchlebt er bereits die Situation neu. Wenn die anderen Parteien das auch machen, tragen sie zur Erweiterung des Gesamtbilds bei. Werden die Geschichten gemeinsam, im selben Raum, erzählt, so bringt das eine Dimension des Dialogs ins Spiel, der leicht sehr emotional werden kann. (so war es nicht!; hast du es deshalb getan?). Dann aufzustehen, die Szene noch einmal bis zu dem Punkt des Gewaltakts zu wiederholen, ohne diesen jedoch einzuschließen, kann einen kathartischen Effekt zur Folge haben, vorausgesetzt, die Spannung wird durch das Dialogisieren abgebaut. Es können sogar die Rollen vertauscht werden. Doch stellt sich die Frage, ob sich die beiden Konfliktparteien damit nicht zu nahe kommen? Das ist schwer abzuschätzen. Manchmal, wie zum Beispiel bei Vertragsverhandlungen, ist es besser, wenn die Parteien einen Abstand wahren. Der springende Punkt wäre, zu einem tieferen Verständnis zu gelangen, auch auf emotionaler Ebene und nicht nur auf rein deskriptiver Basis. Eine alternative Vorgehensweise bestünde natürlich in einer Aufarbeitung des Falles durch einen Berufsgelehrten und einer nachfolgenden Präsentation im nationalen Fernsehen. Man sollte dies keineswegs ausschließen, doch müßte es mehrere Versionen geben und nicht eine einzige, endgültige.

Ein grundlegender Vorzug des Theater-Ansatzes, wie rudimentär und amateurhaft ein solcher auch immer ausfallen mag, besteht darin, daß er Fenster öffnet, die der positivistischen Gesellschaftswissenschaft häufig verschlossen bleiben: was wäre geschehen, wenn und was machen wir, um dies in Zukunft zu vermeiden. Die Bühnenakteure können die Situation bis zu dem Punkt, an dem alles schiefzulaufen anfing, neu durchleben und dann gemeinsam eine alternative Vergangenheit erfinden. Und gemeinsam können sie alternative Zukunftsmöglichkeiten finden, indem sie das Theater als Zukunfts-Workshop verwenden.

 

Der Ansatz der gemeinsamen Trauer/Heilung. Wie in einem Spiegel sahen wir die Unreife der westlichen Kultur anlässlich der Feiern zum 50jährigen Jubiläum der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1995 und der Kapitulation Japans am 2. September 1995. Gefeiert wurde der Sieg über die Kräfte des Bösen. Denen, die ihr Leben dafür „hingegeben“ haben, wurde gedacht. Beide Punkte tragen zur Kriegskultur bei und sehen den Krieg als ein legitimes Instrument im Kampf zwischen Gut und Böse, wobei der Verlust des Lebens gerechtfertigt wird. Überlegen wir uns einmal folgendes:

Für alle teilnehmenden Länder (und für andere, die sich anschließen wollen) wird eine gemeinsame Trauer angekündigt. Der Mythos, daß Menschen ihr Leben „hingaben“ wird bloßgelegt als das, was er ist: Diesen Menschen wurde das Leben überwiegend von inkompetenten Politikern genommen, die selbst wenig oder gar kein Risiko auf sich nahmen, jedoch bereit waren, andere in den (beinahe) sicheren Tod zu senden, und den Tod bei diesem Geschehen auch noch anderen brachten. Ohne eine neue Front gegen die politische und militärische Klasse als gemeinsamen Feind zu eröffnen, wird der Krieg als solcher zutiefst bedauert. Dann kleiden sich Menschen in schwarz, setzen sich in Gruppen von zehn bis zwanzig mit Menschen aus ehemaligen Feindesländern zusammen und besprechen Grundsätzliches: Wie hätte man den Krieg vermeiden können? Wie können Kriege in Zukunft vermieden werden? Gibt es irgendwo Friedensakte, die man besonders herausstreichen und feiern kann?

Eine Diskussion darüber, wie ein Krieg vermieden werden hätte können, ist nichts Neues; jedes Land, das Opfer einer Aggression wurde, mag an jedem Jahrestag eine solche Debatte beginnen (eine häufige Schlussfolgerung ist dann, das Pulver trocken zu halten und beim nächsten Mal besser bewaffnet zu sein). Vielversprechender wäre es allerdings, diese Diskussion gemeinsam mit dem Aggressor zu führen, gemeinsam den Krieg zu beklagen, jeglichen Krieg als einen Skandal, ein Verbrechen gegen die Menschheit zu brandmarken, und nach Alternativen in der Vergangenheit und in der Zukunft zu suchen.

 

Der Ansatz der gemeinsamen Rekonstruktion/des gemeinsamen Wiederaufbaus. Auch hier geht es darum, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Die Soldaten wandten die Taktik der verbrannten Erde an, sie ließen der vorrückenden feindlichen Armee außer einer verwüsteten Öde nichts zurück und vertrieben die Bewohner. Wäre es für jene Bewohner möglich, nach dem Ende des Krieges mit den Soldaten zu kooperieren und die verbrannte Erde wieder zum Blühen, zum Leben zu bringen mit Pflanzen, Tieren und Menschen, mit Bauten und Infrastruktur?

Das Gute, das nicht als Feind des Perfekten gesehen werden sollte, bestünde darin, daß andere Menschen derselben Nation an dem Wiederaufbau teilnehmen. Natürlich wären das dann keine Vertreter derjenigen, die die Gewalt verübt haben, es könnten sogar deren Antagonisten sein (ein Beispiel: man schickt Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, um nach den Aktionen der Soldaten, der Nichtverweigerer, aufzuräumen). Das würde zeigen, daß es harte und weiche Aspekte dieser (wie in jeder) Nation gibt und könnte die Versöhnung erleichtern. Außerdem gäbe es nicht die direkte Konfrontation zwischen Tätern und Opfern.

Nichtsdestoweniger sollte man auf eine solche abzielen. Das bringt uns wieder zum Thema der Rache: Wenn es von beiden Seiten Gewalt gibt, dann wird nicht nur der Schaden, sondern auch die Schuld bis zu einem gewissen Grad ausgeglichen; die Parteien treffen sich als in moralischer Hinsicht gleichwertige. Daher könnten die Soldaten beider Seiten die Entwaffnung vorschlagen und ein abermaliges Treffen, diesmal um zu konstruieren und nicht zu destruieren. Dann könnten Opfer sich mit Opfern treffen, Kriegsdienstverweigerer mit Kriegsdienstverweigerern etc. vielleicht als Vorbereitung für ein Treffen zwischen Tätern und Opfern, wobei beide versuchen, ihre Tragödie durch Kooperation in etwas Sinnvolles zu verwandeln, ohne daß man auf eine dritte Partei als Vermittler angewiesen wäre.

 

Der Ansatz einer gemeinsamen Konfliktlösung. Wenn ein gemeinsamer Wiederaufbau möglich wäre, wie stünde es dann mit einer gemeinsamen Konfliktlösung? Das ist es eigentlich, was Diplomaten, Politiker und sogar Militärs bis zu einem gewissen Grad versuchen.´Es gibt jedoch zwei grundlegende Probleme mit ihrer Vorgehensweise, unabhängig davon, wie erfolgreich das Ergebnis ist. Sie ist kopflastig und antipartizipatorisch, was bedeutet, daß sie per se eine Art struktureller Gewalt darstellt, bei dem häufig sogar das Volk, dessentwillen ja offensichtlich (unter Geheimhaltung) verhandelt wird, ausgeschlossen bleibt. Vielfach sind die Verhandler geschützte Eliten, die vielleicht selbst nicht die physischen, direkten Opfer der Gewalt waren. Doch könnte es sein, daß sie diese Gewalt vom Zaum gelassen haben.

Die Argumente sprechen also für eine allgemeine, ja sogar eine Massenpartizipation. Zwei Arten, dies zu bewerkstelligen, wurden bereits aufgezeigt: die therapeutische Verarbeitung der Vergangenheit anhand einer Diskussion darüber, was an welchem Punkt falsch gelaufen ist und was getan hätte werden können und eine therapeutische Bearbeitung der Zukunft anhand einer Diskussion darüber wie die Zukunft ohne Intervention zugunsten eines nachhaltigeren Friedens aussehen würde, und woraus eine solche Intervention, hier und jetzt beginnend, bestehen könnte. Kurz, Menschen müßten aktiv an der Konfliktlösung mitarbeiten; als Subjekte, nicht nur als Objekte von Entscheidungen und Taten anderer.

Und in diesem Prozeß würden menschliches und kulturelles und auch strukturelles Heilen stattfinden. Eine wesentliche Form horizontaler struktureller Gewalt vor, während und nach einem Krieg ist Polarisierung. Was könnte mehr zur Entpolarisierung beitragen als eine Versöhnung durch gemeinsame Bemühungen, die Probleme zu lösen? Zwar wären die Anstrengung in psychologischer Hinsicht beträchtlich, doch wäre der soziale Gewinn enorm.

 

8. Konfliktlösung/Rekonstruktion/Versöhnung: die Nahtstelle

 

Konklusion: Die enorme Komplexität der Probleme, Gefahren und Möglichkeiten, die von der Gewalt im Allgemeinen und dem Krieg im Besonderen ausgehen, wurde auf drei Komponenten reduziert: Lösung (des zugrundeliegenden Konflikts), Rekonstruktion (nach dem Schaden) und Versöhnung (der Parteien). Jede dieser Komponenten ist ein Kosmos aus eigenem Recht mit einer eigenen Komplexität.

Wie verhalten sich die drei zueinander? Die Nahtstelle muss beziehungsreich sein, wenn aus keinem anderen Grund, so einfach deshalb weil dramatis personae dieselben sind, zumindest soweit das Täter und Opfer betrifft (eine Unterscheidung, die im Buddhismus durch das Karma-Konzept mehr oder weniger aufgehoben wird). Die beiden treffen einander mit unvereinbaren Zielen (Werten und/oder Interessen) in der Konfliktformation, als Täter und Opfer in der Gewalt-Beziehung (die bereits im Titel dieses Kapitels zum Ausdruck kommt) mit dem großen Bedürfnis nach Wiederherstellung des alten Zustandes und als Menschen, nackt, verletzlich, individuell oder kollektiv organisiert in der Suche nach Versöhnung.

Für die Beteiligten vermengen sich die drei Rollen- und Bühnensets zu einer; es ist unmöglich zu sagen, wo die eine endet und die andere beginnt. Die analytischen Unterscheidungen werden von oben, von einer dritten Partei, dem Analytiker, gemacht. Sie können nützlich sein oder auch nicht. Nützlich, damit meinen wir befreiend, indem sie Öffnungen suggerieren, die es der individuellen oder gesellschaftlichen Geschichte erlauben, sich mit Empathie, Gewaltlosigkeit und Kreativität, vielleicht sogar mit etwas Mitgefühl zu entfalten. Um verstehen zu können, was das sehr konkret bedeuten könnte, treten wir einmal aus den Zivilisationen, die sich selbst als die großen bezeichnen, heraus und versuchen, mit Hilfe einer der geringeren, etwas Einblick zu bekommen.

 

Der Ho'o ponopono Ansatz. Ein Mann schläft in seinem gemütlichen Haus. Plötzlich hört er Lärm, er springt auf und überrascht einen Jungen, der gerade mit einigen gestohlenen Dollars das Haus verlassen wollte. Die Polizei wird gerufen. Der Junge ist nun der Polizei bekannt, augenscheinlich ein jugendlicher Straftäter. „Drei solcher Vorfälle und du bist aus der Gesellschaft ausgeschlossen“.

Der Ort ist Hawaii. In der hawaiianischen Kultur existiert eine Tradition, die gewissermaßen Konfliktlösung, Rekonstruktion und Versöhnung kombiniert, das Ho'o ponopono (= In Ordnung bringen). Dem Besitzer des Hauses ist diese Methode bekannt. Es sieht den Jungen, denkt an zwanzig Jahre Gefängnis. Zur Polizei sagt er: „Laßt mich das in Ordnung bringen“. Es stellt sich heraus, daß die Schwester des Jungen krank ist und die Familie zu arm, um das notwendige Geld für ihre Behandlung aufzubringen.

Man organisiert ein Ho'o ponopono. Die Familie des Mannes, die Nachbarn, der Junge und dessen Familie sitzen um den Tisch; jemand übernimmt die Rolle des Moderators. Jeder wird aufgefordert offen und aufrichtig seine Version vorzutragen; warum es geschah und wie, was die angemessene Reaktion gewesen wäre, wie so etwas in Zukunft vermieden werden kann. Der Fall des Jungen wird hinterfragt, doch selbst wenn man ihm ein gewisses Verständnis entgegenbringt, seine Methode wird nicht akzeptiert. Entschuldigungen werden angeboten und akzeptiert, der Bitte um Verzeihung wird entsprochen. Der Junge muss als Wiedergutmachung für sein gewaltsames Eindringen in das fremde Haus dort für einige Zeit Gartenarbeit verrichten. Wärend dieser Zeit findet man eine Lösung, die es der armen Familie ermöglicht, die Arzt- und Medikamentskosten aufzubringen.

Schließlich wird auf eine Art und Weise, die für alle Beteiligten akzeptabel ist, ein Bericht über die Geschichte dieses Einbruchsdiebstahls verfaßt. Und dieses Blatt Papier wird dann verbrannt, um zu symbolisieren, daß unter diese Angelegenheit nun ein Schlusspunkt gesetzt wurde.

Den Einbrecher belohnen? Wenn dies den Konflikt löst, für alle Parteien praktisch den Status quo ante wiederherstellt und sie versöhnt, was soll dann dagegen einzuwenden sein?

 

Diachronie versus Synchronie: Wenn drei Aufgaben bewältigt werden müssen, stellt sich sogleich die Frage: Womit beginnen wir? Dies ist jedoch eine falsche Frage, die dem westlichen, linear ausgerichteten Geist entspringt, der dazu neigt, alles auf einer khronos-Zeitachse zu organisieren, dem diachronischen Weg, etwas zu tun (nacheinander in der Zeit) im Gegensatz zum synchronischen (zur selben Zeit). Um es positiv auszudrücken: Synchronisch würde bedeuten, sich gleichzeitig und nicht nacheinander allen drei Aufgaben zu widmen, besser bei jeder von ihnen einen kleinen Schritt vorwärts zu machen, als einen Riesensatz bei nur einer, der dann zur Bruchlandung führt. Hier sind einige der Argumente für eine solche Position, doch halten wir zunächst eines fest: Das Schlimmste wäre, der Gewalt freien Lauf zu lassen und einfach auf ihr Ende zu warten, bevor KRV in Angriff genommen wird. Das ist, als ob man darauf wartete, bis eine Flut nachläßt oder ein Feuer ausbrennt, bevor man irgend etwas unternimmt. Hier und jetzt sollte mit den Aktivitäten begonnen werden.

 

Gegen einen alleinigen Beginn mit der Konfliktlösung: Ein solches würde bedeuten zurückzublicken. Der Konflikt hat die Gewalt hervorgerufen; es ist wichtig, die Ursachen auszumerzen oder zumindest zu mildern. Was dabei vergessen wird, sind die neuen Konflikte, die die Gewalt gebiert. Menschen wurden ihres Lebensunterhaltes und ihres Lebens beraubt. Ihr Ziel war es, sie zu behalten und zu verbessern, die andere Partei wollte sie zerstören; hier liegt, milde ausgrückt, ein Widerspruch vor. Es ist wahrscheinlich, daß den Menschen dieser Widerspruch in den Nachwirkungen eines Krieges wichtiger erscheint als die tatsächlichen Wurzeln des zugrundeliegenden Konflikts. Mit der Entwicklung der Gewalt verändert sich die Perspektive. Wenn ich heute dein Auto stehle, morgen dein Haus niederbrenne und übermorgen ein Mitglied deiner Familie töte, dann wird vermutlich das letzte Ereignis dein Denken am meisten beschäftigen; auf die Angelegenheit mit dem Auto wirst du möglicherweise erst später zurückkommen.

 

Gegen einen alleinigen Beginn mit der Rekonstruktion: Zur Veranschaulichung stellen wir uns Ameisen in einem Ameisenhaufen vor. Jemand, z.B. ein dreister Junge, macht sich am Haufen zu schaffen und zerstört einen Teil, die Ameisen fangen unvermittelt mit dem Wiederaufbau an. Das ist bewundernswert, doch ohne Zweifel wäre auch eine Analyse der Ursache verbunden mit einer Anwendung eventueller Gegenmittel nicht unangebracht. Dagegen kann vorgebracht werden, daß es (ausser für Ameisen besonderen Typs) nicht viel gibt, was sie machen können, um das KRV-Syndrom zu vervollständigen; der Wiederaufbau allein wirkt wie ein irrationaler Akt der Verzweiflung. Genau das war das Argument, bis auf einen Punkt: Der dreiste Junge könnte sich vielleicht doch Gedanken machen.

 

Gegen einen alleinigen Beginn mit der Versöhnung: Ein solcher wäre mit dem Predigen einer Versöhnung zwischen Sklaven und Sklavenhalter vergleichbar, zwischen Leibeigenen und Feudalherren, zwischen Arbeitern, denen ein Lohn unter dem Existenzminimum bezahlt wird, und Kapitalisten, ohne etwas gegen den zugrunde liegenden Widerspruch zu unternehmen. Kommt zur Versöhnung Wiederaufbauarbeit hinzu, so kann das den Widerspruch mildern, doch hebt es ihn nicht auf; sein Ausgleich muss als Teil der Arbeit an den Nachwirkungen in Angriff genommen werden.

Überdies gibt es zwischen K, R und V eine Synergie wie im Falle des Ho'o ponopono. Der Konflikt existiert; daß er gefährlich ist, zeigt die Gewaltanwendung. Ein unmittelbares Bemühen, die Rekonstruktion vom ersten Gewaltakt an zu beginnen, wäre ein klares Zeichen einer vollkommenen Ablehnung der Gewalt und ihrer Auswirkungen, einer unfatalistischen Entschlossenheit sogar unter den ungünstigsten Umständen. Fügt man dem noch Akte der Versöhnung hinzu, so wäre das eine Demonstration entschiedener Gewaltlosigkeit, wiederum mit dem Zusatz, daß es keine Garantie für Wirksamkeit einer solchen gibt; sicher ist nur, daß Gewalt auf lange Sicht nicht funktioniert. Bemühungen zu einer Konfliktlösung könnten in diesem RV-Kontext jedenfalls weit reibungsloser funktionieren.

 

Der Aufbau einer Konflikttransformationskapazität. Wie bereits erwähnt, sind die Gewalt im Allgemeinen und der Krieg im Besonderen der Fähigkeit, Konflikte zu transformieren, besonders abträglich. Der Grund dafür liegt schlicht darin, daß Gewalt die Menschen pessimistisch macht und sie dazu bringt, die anderen als böse zu sehen, die Gewalt/den Krieg als unvermeidbar, als ein Naturgesetz, woraus sie wiederum ableiten, daß auch für sie Gewaltanwendung zulässig ist. Journalisten und Historiker tragen in ihrer Unfähigkeit, über Frieden und Konstruktion zu schreiben und in ihrer Konzentration auf Gewalt/Krieg und Destruktion wesentlich zu diesem Pessimismus bei. Dazu kommt noch, daß ihre Aufmerksamkeit eher den Eliten als dem einfachen Volk gilt, und auch daß sie diesen die Täterrolle und dem Volk die Opferrolle zuweisen, anstatt eine ausgewogenere Sicht auf alle beide zu ermöglichen.

Konkreter gesagt, gehen die in Tabelle 2 dargestellten grundlegenden Fähigkeiten zur Gewaltlosigkeit, Kreativität und Empathie verloren. Sie müssen irgendwie wieder aufgebaut werden; und zwar in so vielen Menschen wie nur möglich. Wie ist das bewerkstelligen?

Die beste Art Gewaltlosigkeit aufzubauen, heißt, sie zu praktizieren, z.B. indem 10.000 Frauen, die mit Kerzen, Blumen und einem gründlich ausdiskutierten und sorgfältig geprobten Plan für eine Strukturreform eines sehr repressiven/ausbeuterischen Landes „bewaffnet“ sind, die Klasse der Politiker, Militärs, Landbesitzer, Geschäftsleute – und vielleicht auch insbesondere deren Gattinen – kontaktieren, ihnen die eigenen Herzen öffnen, und auch deren Situation zu verstehen versuchen. Früher oder später wird Politik auch auf diese Art gemacht werden, heute sind wir noch weit davon entfernt.

Wenn wir in der Zwischenzeit Konfliktlösung, Rekonstuktion und Versöhnung auf gewaltlose Weise anstreben, was auch bedeutet ohne verbale Gewalt, so ist das ein Lernen durch Tun und ein Tun während wir lehren.

 

Um Empathie aufzubauen verwendet man am besten den Typus der Übungen, die wir unter den Schlagwörtern Rekonstruktion und Versöhnung beschrieben haben. Es geht nicht nur darum, zu verstehen, wie Tiefenkultur und Struktur im Selbst und im Anderen funktionieren, sondern darum, diese Art von Verständnis gemeinsam mit dem Anderen zu entwickeln, ob das nun durch gemeinsame Trauer als Heilungsprozeß, durch gemeinsame Rekonstruktion/gemeinsamen Wiederaufbau, durch gemeinsame Konfliktlösung, durch die Mühsal von Entschuldigungs/Verzeihungsprozeßen oder durch Teilnahme an inneren und äußeren Dialogen zur Verbesserung des gemeinsamen Karmas, durch eine eher positivistische, intellektuelle historische Übung, die Wahrheit zu etablieren oder ein sehr emotionales und konstruktives Drama, diese Wahrheit neu zu durchleben und für die Zukunft zu formen, geschieht. Die Betonung liegt, wie so oft in diesen Ausführungen, nicht auf einem einzelnen Akt der Versöhnung an der Spitze, sondern auf mannigfaltigen Handlungen unter dem gewöhnlichen Volk.

Die beste Art und Weise Kreativität aufzubauen ist, wenn man sie praktiziert, was nur möglich ist, wenn möglichst viele Menschen, nicht nur überlastete und nicht immer sehr kreative Eliten, dazu ermutigt werden, die Herausforderungen anzunehmen, Wege aus tief verwurzelten Konflikten heraus zu finden und Rekonstruktions- und Versöhnungsarbeit zu leisten. Wenn gesagt wird, daß dies zu schwierig sei und den Eliten überlassen werden müsse, daß es in Diskretion geschehen sollte, so mobilisiert man damit die Menschen.. Wird dieses Kreativitätsreservoir nicht benutzt, so schwindet es dahin, wird es benutzt, so füllt es sich wieder auf.

Die maßgebliche Botschaft lautet: Die Konfliktparteien selbst müssen diese Prozeße in Angriff nehmen, doch andere können helfen, Vorschläge machen, Trost spenden. Die Dritte Partei, Gott, der Staat, die Internationale Community oder Vermittler, Schlichter und Schiedsrichter jeglicher Art sollten Konflikthelfer sein, nicht Konfliktmanager oder, was noch schlimmer wäre, Konfliktdiebe.