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Johann Galtung Konflikttransformation
mit friedlichen Mitteln Die Methode der
Transzendenz
Konflikte haben ihren eigenen Lebenszyklus, fast wie ein
Organismus. Sie erscheinen, erreichen einen emotionalen, gar
gewalttätigen Höhepunkt, werden dann schwächer, verschwinden – und
kommen oft wieder. Dahinter steht eine Logik, da Einzelne und Gruppen
(wie Nationen und Staaten) ihre Ziele haben:
-
Ziele mögen inkompatibel sein und sich gegenseitig
ausschließen, wie zwei Staaten, die Anspruch auf das gleiche Land
oder zwei Nationen, die Anspruch auf den gleichen Staat erheben;
wenn Ziele inkompatibel sind, entsteht ein Widerspruch, ein Problem,
je grundlegender das Ziel, wie etwa grundlegende Bedürfnisse und
Interessen, desto frustrierter ist jeder Handelnde oder jede Partei,
die ihre Ziele nicht erreicht hat.
-
Frustration kann in Aggression umschlagen, nach
innen als Haß oder nach außen als Verhalten mit verbaler oder
physischer Gewalt: Haß und Gewalt können sich gegen die richten,
deren Ziele erfüllt wurden und die im Weg sind. Jedoch ist das
Verhalten nicht immer so »rational«.
-
Das Ziel von Gewalt ist es, anderen (und sich
selbst) Schaden zuzufügen und kann eine Spirale von Gegengewalt in
Form von Verteidigung oder/und Rache nach sich ziehen: Diese
Gewaltspirale wird zu einem Metakonflikt (wie die Metastasen einer
Krebsgeschwulst), der über die Ziele der Bewahrung und Zerstörung
hinausgeht.
So kann ein Konflikt unendlich lange leben, zu- und
abnehmen, entstehen und verschwinden. Der Originalkonflikt gerät in den
Hintergrund, so wie im Kalten Krieg alle Aufmerksamkeit meist auf
Nuklearwaffen als Zerstörungsinstrument gerichtet war.
Konflikte können sich in Serie oder parallel zu
komplexen Konfliktformationen kombinieren; mit vielen Parteien, mit
vielen Zielen, da die gleichen Parteien und/oder die gleichen Ziele
daran beteiligt sind. Die einfache Konfliktformation aus zwei Parteien,
die ein Ziel verfolgen, ist rar, es sei denn, daß pädagogische Zwecke
oder das polarisierende Ergebnis von Haß und Gewalt zu einer
vereinfachten Konfliktformation führt. Der normale Konflikt hat viele
Akteure, viele Ziele und viele Probleme, ist komplex, kann nicht leicht
festgemacht werden, obwohl genau dieses Festlegen von essentieller
Bedeutung ist.
Der Lebenszyklus eines Konfliktes
Ein Konflikt kann aus drei aufeinander folgenden Phasen
bestehen: vor der Anwendung von Gewalt, während Gewaltanwendung und
danach. Diese Phasen können durch den Ausbruch von Gewalt und einer
Waffenruhe getrennt sein. Dies heißt nicht, daß Gewalt unvermeidbar
oder daß Konflikt gleich Gewalt und Zerstörung ist.
Ein Diagramm dieses Konflikts sieht gewiß beeindruckend
aus, aber es ist letztendlich ziemlich einfach. In der horizontalen
Achse ist die Zeit, im griechischen Sinn von »chronos«, Zeit, die
fließt, physikalische Zeit. Dann aber gibt es zwei Punkte im Sinn von
»kairos«, Zeit, die anhält und Zeit, die gewisse Ereignisse aus dem
Fluß der Zeit hervorhebt: der Ausbruch der Gewalt und das Ende der
Gewalt, die Waffenruhe. Zw<0>eifellos sind dies wichtige
Ereignisse.
Aber es gab auch schon den Konflikt vor dem Ausbruch der
Gewalt. Vier Schwerpunkte für die Konfliktbearbeitung wurden
aufgezeigt: Gewalttätige Kulturen, die Gewalt legitimieren, wie
Machismus; gewalttätige Strukturen, die Menschen ausnutzen,
unterdrücken und entfremden; gewalttätige Akteure, Schläger ohne
Gewissen in bezug auf den Schaden und Verletzungen, die sie anrichten;
und, schließlich, wie sie gemeinsam grundlegende Konflikte entstehen
lassen, die unbeachtet bleiben.
Das Diagramm zeigt dann, was in den drei Phasen zu tun
ist. Dieses Handbuch hat seinen Schwerpunkt auf Phase I mit einigen
Bemerkungen bezüglich Phase II und III.
Phase I – Vor dem Ausbruch der Gewalt
Es ist zynisch, diese Phase als »Vorbeugungsphase« zu
bezeichnen, in der Gewalt zu vermeiden ist. Ein grundlegender Konflikt
an sich ist schon Grund genug, um sich ernsthaft mit ihm zu
beschäftigen. Bereits hier leiden Menschen. Allerdings ist ein Konflikt
auch immer eine Einladung für die betroffenen Parteien, die
Gesellschaft und die ganze Welt, voranzugehen, die Herausforderung zur
Lösung des Problems anzunehmen, und dies mit Empathie (in alle
Parteien), Nicht-Anwendung von Gewalt (auch mit Blick auf der
Prävention von Metakonflikten) und mit Kreativität (um Auswege zu
finden).
Die Aufgabe ist, den Konflikt ins Positive zu
transformieren. Positive Ziele für alle Parteien zu finden, ideenreiche
Arten und Weisen, sie ohne Gewalt zu kombinieren. Die Unfähigkeit,
Konflikte zu transformieren, führt zu Gewalt. Jeder Gewaltakt kann als
Denkmal für diese menschliche Unfähigkeit angesehen werden.
Das Diagramm schlägt vier Schwerpunkte für
Konfliktbearbeitung in dieser Phase vor. Gewalt kann in gewalttätigen
Kulturen verwurzelt sein, die Gewalt rechtfertigen oder in
gewalttätigen Strukturen (der Unterdrückung, Ausbeutung und
Verfremdung, der Trennung von Menschen, die zusammensein wollen oder der
Nähe solcher, die nicht zusammensein möchten); ebenso in
gewalttätigen Akteuren, die durch Gewalt angezogen werden (zur Bildung
ihrer eigenen Identität gegen andere Gruppen). Mit zunehmendem Haß und
einer steigenden Neigung zu Gewalt kann auf Empathie, gewaltfreie
Ansätze und Kreativität noch weniger verzichtet werden. Jedoch
bekommen solche positiven Talente in einer tief polarisierten Formation
– genau dann, wenn sie besonders gebraucht werden – immer weniger
Chancen, überhaupt entdeckt zu werden, zu wachsen und sich zu
entwickeln.
Es ist jedoch wichtig, nie den Konflikt zu vergessen,
die Ziele, die der jeweiligen Partei im Wege sind. Diese Konflikte
vereinen die gewalttätigen Kulturen, Strukturen und Akteure; jeder
Unaufmerksamkeit folgt mehr Schaden und Unglück.
Türken in Deutschland
Ein konkretes Beispiel: Türkische Gastarbeiter (die oft
deutsche Staatsbürger sind) in Deutschland. Ein Minimalprogramm mit
vier Schwerpunkten:
Schwerpunkt Kulturen:
Im allgemeinen sprechen wir hier über Kulturen mit
starkem Nationalismus, die „Deutschland den Deutschen“ und „die
Türkei den Türken“ verlangen sowie über Kulturen der Gewalt:
Konflikte sind nicht da, um für beide Parteien zur Zufriedenheit
gelöst zu werden, sondern um gewonnen zu werden. Solche Kulturen
müssen herausgefordert werden. Hierfür braucht man jedoch viel Zeit.
Fehlende Friedenskulturen müssen ersetzt werden.
Schwerpunkt Strukturen:
Normalerweise gibt es eine Kombination von Ausbeutung
und übermäßiger Nähe. Fehlende Friedensstrukturen, wie ein Council
for Inter-group Relations, in dem sich Nationen treffen und Lösungen
finden können, müssen eingeführt werden bevor sie aufgrund der
Gewaltspirale noch unflexibler werden.
Schwerpunkt Akteure:
Manchmal kann man sie identifizieren, da sie selbst ihre
Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt ankündigen. Sie ernst zu nehmen
und sie in Dialoge über sämtliche Aspekte der Situation mit
einzubeziehen, ist nötig. Wenn sie vernachlässigt werden, werden sie
nur noch unbeugsamer. Wenn Gewalt angewendet worden ist, ist die
gerichtliche Ahndung mit Gefängnisstrafe unzureichend. Der Dialog muß
weitergehen, wenn nicht mit den Opfern oder ihren Familien, dann mit
anderen Mitgliedern des gleichen Volkes.
Schwerpunkt Konflikte:
Fehlende Ausbildung, Wohnungen und Jobs sowie die
Bedrohung ihrer Identität können Probleme darstellen. Klar ist, daß
die Kapazität eines jeden Landes, Ausländer aufzunehmen, seine Grenzen
hat. Eine solche Grenze ist nicht notwendigerweise ein Zugeständnis an
starken Nationalismus, noch ist eine erweiterte Kapazität eines Landes
ein Zugeständnis an Druck aus anderen Ländern. Eine Identität, die
auf starkem Nationalismus basiert, ist wesentlich problematischer. In
unserer schrumpfenden Welt gibt es nur Platz für »weichen«
Nationalismus, in dem man mit Neugier auf den Anderen zugeht und willens
ist, mit ihm einen Dialog zu führen.
Die allgemeine Aufgabe ist eindeutig: den
Konfliktprozeß nach oben zu heben, nämlich in die »Friedensregion«,
indem Kulturen, Strukturen und Akteure friedlicher gemacht werden, so
daß Konflikte ohne Gewalt angepackt werden können. Das ganze
Konfliktsyndrom wird verändert und in die obere Hälfte des Schaubildes
eingebettet, denn da gehört es hin.
Konkret heißt dies, daß auch eine Verlagerung auf
friedliche Kulturen in die Tradition der Menschenrechte eingebracht
werden könnte, und daß diese Verlagerung auf friedliche Strukturen ein
Appell an die demokratische Tradition ist. Beide sind nützliche
Beispiele für einen großzügigeren Ansatz. Sie sind jedoch nicht
unproblematisch, wie das Beispiel kultureller Andersartigkeit zeigt. Sie
passen besser in westliche »Ich« Kulturen, in denen ganz besonders
Wert auf Individualismus, Rechte des Einzelnen und einzelne Gedanken
gelegt wird; in denen Einzelne wählen und die Stimmen dann
zusammengezählt werden. Sie passen weniger in »Wir« Kulturen in denen
besonders Wert auf Gruppen (Clans, Stämme, Völker), gemeinsame Rechte
und den Dialog im Konsens gelegt wird.
Mit der Bildung des Schwerpunktes für friedliche
Akteure kann es sein, daß mehr Frauen und andere Akteure aus dem
religiösen/intellektuellen oder geschäftlichen Umfeld/Tradition und
weniger aus der aristokratischen/kriegsführenden Tradition angezogen
werden. Dies kann dazu führen, daß genug Empathie, Nicht-Anwendung von
Gewalt und Kreativität mobilisiert wird, um den Konflikt umzuwandeln.
Ob dies durch einzelne Dialoge mit allen Parteien oder durch direkte
Dialoge am »Runden Tisch« geschieht, ist unerheblich.
Strukturelle Gewalt kann genauso schlimm oder sogar
schlimmer sein als direkte Gewalt. Menschen sterben oder das Leben wird
zur Qual, weil sie politisch unterdrückt oder wirtschaftlich
ausgebeutet werden oder ihnen die Freiheit entzogen wird, mit den
Menschen zusammen zu sein, mit denen sie sich identifizieren oder sie
gezwungen werden, in der Nähe derer zu sein, die sie nicht mögen. Dies
als »Vorwarnung« für zukünftige direkte Gewalt zu bezeichnen, ist,
wie schon erwähnt, zynisch und respektlos den bereits erlebten Leiden
gegenüber. Direkte Gewalt sollte als eine Warnung behandelt werden, die
»zu spät« kommt bei unerträglichen strukturellen und kulturellen
Bedingungen, die von zynischen Akteuren ausgenutzt werden.
Dies bietet eine neue Perspektive der Entwicklung. Die
traditionelle Perspektive verwenden die weiter entwickelten Länder
(More Developed Counties, MDCs) als Modell für die weniger entwickelten
Länder (Less Developed Countries, LDCs) und sehen dabei die
Unterschiede, d.h. Defizite, die die letzteren im Vergleich haben. Diese
Defizite werden so ausgeglichen, daß Geld entweder durch eigene
Einkünfte (d.h. durch Export) oder durch Kredite und Zuschüsse
beschafft wird, um von den MDCs die Dinge zu importieren, die wichtig
erscheinen, um sich (weiter) zu entwickeln.
Die MDCs entwickelten sich jedoch ursprünglich, indem
sie selbst produzierten, um Importe zu ersetzen. Importe zur
Verringerung der Defizite sind wie Transplantationen, die nicht richtig
anwachsen und nach einiger Zeit wieder abgestoßen werden. Darüber
hinaus bedeutet jeder Import mehr Ressourcen für einige und weniger
für andere. Es kommt unvermeidlich zu Konflikten durch die
Nichtbeachtung der Kultur und der Struktur. Die darauffolgenden
Reibungen und ein möglicher Ausbruch von Gewalt kann jeglichen
materiellen Gewinn wieder zunichte machen.
Eine einfachere Definition von Entwicklung kann
folgendermaßen aussehen: Entwicklung heißt die Schaffung von
Kapazität zur Umwandlung von Konflikten.
Versuchen Sie, Gewalt durch Arbeit an den Schulen
einzuschränken, durch Entglorifizierung und Entmystifizierung von
Gewalt, durch aktives Zeigen, wie Konflikte mit Empathie,
Nicht-Anwendung von Gewalt und Kreativität gelöst werden können.
Verringern Sie strukturelle Gewalt mit Hilfe der 1966
verabschiedeten »Human Rights Convention Against Repression«
(politische und Bürgerrechte) und Ausbeutung (wirtschaftliche, soziale
und kulturelle Rechte).
Dies ist kein Ersatz für die oben genannte
wirtschaftliche Entwicklung. Jedoch ist es möglich, daß die
Gesellschaft nach einigen kulturellen und strukturellen Rekonstruktionen
für eine bedeutendere wirtschaftliche Entwicklung bereit ist. Projekte
für einen besseren Lebensunterhalt für Millionen können tiefer
verwurzelt werden. Dementsprechend sollten in Phase I die folgenden
Punkte enthalten sein: Konfliktlösung, Wiederaufbau und Versöhnung. Es
darf nicht darauf gewartet werden, daß die Gewalt zuschlägt oder
aufhört.
Phase II – Anwendung von Gewalt
Wird Gewalt angewandt, ist selbstverständlich die erste
Aufgabe, sie zu stoppen, da sie in sich schlecht ist und da sie den
zugrundeliegenden Konflikt schwerer erkennbar macht. Aber zuerst sind
ein paar Gedanken darüber angebracht, was Menschen veranlaßt, von
Phase I zu Phase II überzugehen.
Die erste Antwort ergibt sich aus dem zugrundeliegenden
Ausgangskonflikt: es wird zu Gewalt gegriffen, um eine andere Partei
oder andere Parteien lahmzulegen, so daß ihnen die Ziele der ersten
Partei aufgezwungen werden können. Dies wird manchmal »militärische
Lösung« genannt, ein Oxymoron, wenn das Wort »Lösung«
»akzeptabel« bedeutet.
Die zweite Antwort ergibt sich auch aus dem
zugrundeliegenden Konflikt, ist jedoch weniger rational: Aggression aus
Frustration, von jemandem blockiert zu werden; Gewalt aus Haß.
Die dritte Antwort ergibt sich aus der Logik der
Metakonflikte: der Konflikt als Gelegenheit, Ruhm und Ehre zu erhalten,
wenn man ihn gewinnt und Mut zu zeigen und Ruhm und Ehre zu erhalten,
selbst wenn man ihn nicht gewinnt.
Die vierte Antwort ergibt sich auch aus dem
Metakonflikt: Gewalt als Rache für Gewalt, unter der man selber jetzt
oder früher gelitten hat.
Dies sind vier wichtige Gründe, die sehr ernst genommen
werden müssen. Jedoch darf niemals angenommen werden, daß Gewalt
genauso ein Teil des menschlichen Wesens ist wie das Bedürfnis nach
Essen und Sex. Diese zwei Bedürfnisse finden sich überall wo Menschen
sind; in der Vergangenheit wie in der Zukunft. Die Bedürfnisse mögen
unterdrückt werden, jedoch bestätigt dies ihre allgemeine Bedeutung.
Gewalt existiert immer als Potential, das Potential wird aber nur dann
aktiviert, wenn:
-
ein zugrundeliegender Konflikt nicht beachtet wird
(negativer Grund!) und keine Empathie, Nicht-Anwendung von Gewalt
und/oder Kreativität angewandt wird, um eine Lösung zu erzwingen;
oder aus Frustration;
-
oder die Kultur rechtfertigt den Übergang vom
Konflikt zum Metakonflikt als zufällige Gelegenheit, Ehre durch
Gewalt zu erlangen, oder sie rechtfertigt Gewalt als Kompensation
für Gewalt.
Die Lösung ist eindeutig: Grundlegende Konflikte
müssen, wie offene Wunden, beobachtet und behandelt werden. Gewalt darf
auch nicht gerechtfertigt werden.
Dennoch, Gewalt dauert nicht für immer und breitet sich
auch nicht unendlich aus. Wenn es das täte, gäbe es keine Menschen auf
der Erde. Gewalt läßt nach, weil es den kriegführenden Parteien an
folgendem mangelt:
-
Mittel zur Zerstörung (Hardware/Waffen,
Software/Menschen):
-
Ziele zur Zerstörung (Waffenmaterial, Menschen);
-
Bereitschaft zur Zerstörung (weniger
»Kampfgeist«, mehr Abscheu);
-
Die Hoffnung auf Sieg; alle Parteien sagen das
gleiche Ergebnis voraus.
Dies gibt uns vier Möglichkeiten, wie wir Gewalt
beenden können: durch Waffen- und Söldnerembargos, durch die
Evakuierung von Menschen und die Entfernung von Zielen (Taktik der
verbrannten Erde), durch das Demoralisieren von Soldaten, indem die
sichtbaren und unsichtbaren Konsequenzen der Gewalt klargemacht werden,
und um so eine Verweigerung des Kriegsdienstes zu veranlassen; durch das
Hervorheben der Tatsache, daß langfristig wegen der Gewaltspirale alle
Parteien verlieren werden.
Es gibt jedoch noch eine fünfte Möglichkeit, zwischen
den Parteien zu vermitteln. Wenn Frieden mit friedlichen Mitteln
geschaffen werden soll, so wird der Weg frei für Operationen nach
Chapter 6, nicht aber für Operationen nach Chapter 7 der UN Charta. Was
in dem Schaubild vorgeschlagen wird, ist, daß friedenssichernde
Maßnahmen dadurch verbessert werden, indem Experten nicht nur auf den
Bereich der militärischen Taktik und der Mittel zur Ausübung von
Gewalt, sondern auch auf den Bereich der zivilen Konfliktbekämpfung
(Polizei), die Fähigkeiten der Nicht-Anwendung von Gewalt und auf
vermittelnde Aktivitäten zurückgreifen.
Da Frauen eher mit Menschen als mit Geräten umgehen,
könnten sie möglicherweise 50 der Einheiten ausmachen. Darüber hinaus
sollte deren Anzahl drastisch erhöht werden. Kurz gesagt, es sollte
nicht nur Blauhelme, sondern einen blauen Teppich der Friedenstruppen
geben, der so dicht gewebt ist, daß kaum noch Platz zum Kämpfen ist.
Die Erhaltung des Friedens sollte die gleichen drei Aspekte beinhalten
wie Phase I: Wiederaufbau, Versöhnung und Konfliktlösung. Es darf
nicht darauf gewartet werden, daß die Gewalt aufhört.
Phase III – Nach dem Ende der Gewalt
Nach dem Ende der Gewalt kann die
Erl<-2>eichterung darüber, daß die Gewalt vorbei ist, blind für
die unsichtbaren, lange andauernden Folgen der Gewalt (wie Traumata und
der Wunsch nach mehr Ruhm sowie nach Rache) machen und dafür, daß
Kulturen, Strukturen und Akteure möglicherweise noch gewalttätiger
geworden sind. Die Aufgabe ist schwieriger und komplexer geworden als
vor Ausbruch der Gewalt. Allein die Aufgabe des Wiederaufbaus nach
Beendigung der Gewalt, der Rehabilitation der Verletzten und nach der
Zerstörung von Gebäuden kann so schwierig sein, daß eine Versöhnung
zur Lösung des Metakonfliktes und die Lösung des zugrundeliegenden
Ausgangskonfliktes vergessen oder verschoben wird, und dies
möglicherweise für immer.
Die Aufgaben, denen man sich widmen muß, sind gewaltig:
Wiederaufbau nach Anwendung der Gewalt
Ein Überblick der Ansätze
-
Rehabilitation: Trauma und gemeinschaftliche Trauer
-
Wiederaufbau: Entwicklung
-
Restrukturierung: Friedensstruktur
-
Aufbau neuer Kulturen: Friedenskultur
Versöhnung nach dem Ende der Gewalt
Ein Überblick der Ansätze
-
Reparation / Wiederherstellung
-
Entschuldigung / Vergeben
-
Theologie / Reue
-
Rechtsprechung / Bestrafung
-
Gemeinsame Ursprünge / Karma
-
Historischer Ansatz / Wahrheitskommission
-
Theater / Noch-einmal-erleben
-
Heilung durch gemeinsamen Kummer
-
Gemeinsamer Wiederaufbau
-
Gemeinsame Konfliktlösung
Die Welt ist für die meisten dieser Aufgaben schlecht
ausgerüstet. Es gibt offizielle Lösungen (»Executive Outcomes«) für
Gewalt, aber nicht für die Auflösung von Gewalt. Und es gibt einen
einfachen Grund, warum dies so wichtig ist. Der Ausdruck »nach dem Ende
der Gewalt« ist zu optimistisch. Wenn nichts gegen die Wurzeln des
grundlegenden Konfliktes und der Umwandlung des Konfliktes selbst getan
wird, wird die Gewalt wiederkommen sobald die Erinnerung an die
Schreckensbilder der letzten Gewalt nicht mehr bewußt, sondern »nur«
noch unbewußt ist. Und so wird »nach dem Ende der Gewalt« leicht
»vor Ausbruch der Gewalt«.
Übung: ein Tisch, auf dem Tisch eine Orange, zwei
Kinder sitzen am Tisch. Was geschieht: So viele Ideen wie möglich,
bitte. Und nicht arrogant sein, die meisten finden nur 8 Ideen von 16.
Das Diagramm zeigt die fünf allgemeinen Typen von
Konfliktlösungen in einem Konflikt zweier Parteien. In diesem Fall sind
[1] und [2] gleich, bei beiden herrscht eine Partei vor. In einem
konkreten Konflikt hat jeder allgemeine Typ eine Reihe von spezifischen
Interpretationen:
Eine Partei herrscht vor
Die Regel des Menschen: Kämpfe es aus; Macht ist Recht
(zu vermeiden). Die Regel des Gesetzes: Treffe eine Entscheidung, ein
gewisses Prinzip (wie Bedarf, kulturelle Präferenz). Die Regel des
Zufalls: Irgendeine zufällige Methode. Kompensation: Erweiterung
(Dreieck), Vertiefung (Doppelkonflikt).
Rückzug
Vor des Situation weglaufen. Orange zerquetschen oder
weggeben. Orange nur beobachten. Orange in den Kühlschrank legen.
Kompromiß
Orange wird geteilt. Orange wird ausgepreßt. Orange
wird geschält und in ihre Segmente geteilt. Irgendeine andere Form des
Teilens.
Transzendenz
Eine weitere Orange wird geholt. Mehr Leute werden
geholt, die sich die Orange teilen. Es <-2>wird ein Orangenkuchen
gebacken, eine Lotterie veranstaltet und die Erlöse geteilt.
<0>Orangenkerne werden gesät, ein Plantage angelegt, der Markt
übernommen.
Grundthese: Je mehr Alternativen desto weniger
wahrscheinlich wird Gewalt.
Die Methode der Transzendenz versucht, eine Lösung zu
finden, die über das Herausnehmen des Konfliktes aus seiner Umgebung
und das Verankern an einer anderen Stelle hinausgeht. Man geht über die
eine Orange hinaus, holt noch eine (“Lehrer, Sie haben eine Orange
vergessen!“). Oder man richtet seine Aufmerksamkeit auf den
wichtigsten Teil der Orange, ihre Kerne, und pflanzt sie ein.
So viel über grundsätzliche Ergebnisse von Konflikten,
was aber ist mit den grundsätzlichen Prozessen oder Ansätzen, die in
Konflikten angewandt werden? Sie sind ähnlich:
These Nr. 1:
Gewalt führt oft zu [1, 2], eine Partei herrscht vor;
Gewalt wird benutzt, um das Ziel des Siegers dem Verlierer aufzudrängen
oder vorherrschen=oben sein, Gewalt ist ein Prozeß.
These Nr. 2:
Das Treffen einer Entscheidung führt auch oft zu [1,
2], eine Partei herrscht vor; Das Treffen einer Entscheidung wird dazu
benutzt, zu entscheiden wer Recht hat (weder wer Schuld ist noch wer
verantwortlich ist) oder: vorherrschen=recht haben, das Treffen einer
Entscheidung ist ein Prozeß.
These Nr. 3:
Ausflucht führt oft zu [3], dem Rückzug; Rückzug
schließt mit ein, daß die Zeit noch nicht reif ist, der Status Quo
wird vorgezogen oder der Rückzug; Ausflucht ist ein Prozeß.
These Nr. 4:
Verhandlungen zwischen Parteien führen oft zu [4],
einem Kompromiß; Kompromiß: es wird angenommen, daß keine Partei
diktiert oder zum Erzielen eines Kompromisses muß verhandelt werden
(ein Prozeß).
These Nr. 5:
Dialog mit den Parteien führt oft zu [5], der
Transzendenz; Transzendenz definiert eine neue Situation oder über den
Konflikt hinaus denken; Dialog ist ein Prozeß.
In anderen Worten: Das Ergebnis ist schon im Prozeß
versteckt, und der gewählte Prozeß hängt von dem gewünschten
Ergebnis eines Konfliktes ab.
Laßt uns jetzt zurück zu der Unterscheidung zwischen
dem Original-, dem Ausgangs- und dem Metakonflikt. Bei dem Urkonflikt
geht es darum, irgendein Ergebnis, eine Lösung, einen Ausweg, eine
Umwandlung, wie es auch immer genannt wird, zu finden. Bei dem
Metakonflikt geht es hauptsächlich um eins: zu gewinnen. Es gibt nur
eine Lösung: eine Partei herrscht vor. Der Metakonflikt kann physisch,
mit Gewalt, Krieg bekämpft werden und führt meist zu dem Sieg für
eine und der Niederlage für die andere Partei (manchmal auch mit einem
Unentschieden. Dies geschieht, wenn der Krieg in die Länge gezogen
wurde).
Es kann auch verbal gekämpft werden, wie vor Gericht,
mit größtenteils ähnlicher Struktur. Die Urteilsfindung ist eine Art
zu entscheiden, wer Recht hat und wer nicht schuld oder verantwortlich
ist; es ist kein guter Prozeß, um die drei anderen Ergebnistypen zu
erhalten. Im allgemeinen ist die Entscheidung über den Sieger höchst
asymmetrisch.
Der Metakonflikt wird oft dazu benutzt, den
Ausgangskonflikt zu entscheiden. Der Sieger bekommt alles, auch das,
worüber sich im Ausgangskonflikt gestritten wird. Dieses Ergebnis kann
akzeptiert werden und es kann anhaltend sein. Oder auch nicht. Der
Metakonflikt kann auch nur als eine Anzeige physischer oder rechtlicher
Macht betrachtet werden. Und jede Entscheidung zugunsten einer Partei
alleine scheint simplistisch und strittig, obwohl nicht bestritten wird,
daß es auch Konflikte gibt, in denen eine Partei objektiv Recht hat. Es
ist auch unbestritten, daß Gerichte besser sind als Kriege.
Der Rückzug mag kurzfristig funktionieren, aber über
kurz oder lang muß der Konflikt angegangen werden. Der traditionelle
Ansatz besteht aus Verhandlungen zwischen den Parteien. Dabei besteht
das Problem, daß die Parteien den Verhandlungstisch als verbales
Schlachtfeld behandeln und bestenfalls einen leeren Kompromiß erzielen
können, der keinen zufrieden stellt und der die Gelegenheit zum
Vorwärtsgehen nicht am Schopfe faßt. Daher die Tendenz zugunsten des
fünften Ergebnisses: Transzendenz, über das Eigentliche hinausgehen.
Die beste Methode ist der Dialog miteinander, vielleicht für den Anfang
noch besser zusammen mit einem Konfliktarbeiter.
Der vorliegende Beitrag wurde für
das Handbuch der »Crisis Environments Training Initiative und des
Disaster Management Training Programme der Vereinten Nationen»
geschrieben. Heike Webb, Diplom-Übersetzerin, Bonn, übersetzte den
Text aus dem Englischen.
Johan Galtung, Dr. hc. mult., Professor of Peace Studies
lehrt an den Universitäten Granada, Ritsumeikan, Trömso und
Witten/Herdecke
In: Wissenschaft und Frieden 3/98
Wilfried Graf
Konflikttransformation und die Arbeit am politischen Unbewussten
Das Transcend-Verfahren nach Johan Galtung
Der Friedensforscher Johan Galtung, der in diesem Jahr 75 Jahre alt wird, hat sich in mehr als 40 Jahren mit über 45 Konflikten rund um die Welt beschäftigt. In den letzten 15 Jahren hat er vor dem Hintergrund einer spezifischen Gewalt- und Friedenstheorie und seiner globalen Erfahrungen ein Verfahren für Konflikttransformation, Friedensaufbau und Versöhnung entwickelt, das versucht, die Grenzen und Defizite von Mainstream-Verfahren ziviler Konfliktbearbeitung wie Konfliktmanagement, Conflict Resolution, Verhandlungen und Mediation zu überwinden ( www.transcend.org ).
In diesem Beitrag werden zunächst die Defizite ziviler Konfliktbearbeitung erinnert, die
Jean Paul Lederach aufgezeigt hat (Lederach 1999:28f). Im Anschluss werden einige
Prämissen und Leitideen des Transcend-Verfahrens skizziert.
Für den gesamten Artikel klicken Sie hier (PDF-Format)
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